Users (2021)

  1. ,
  2. 81 Minuten

Filmkritik: Künstliche Intelligenz als die perfekte Mutter

52. Visions du Réel 2021
Der Monitor wird zum Bezugspunkt.
Der Monitor wird zum Bezugspunkt. © Visions du Réel 2021

Der technologische Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Künstliche Intelligenz hat bereits in vielen Bereichen der Industrie Einzug gehalten und Alexa und Siri sind aus unserem Leben kaum noch wegzudenken. In dieser immer «smarter» werdenden Welt müssen sich die Menschen allerdings neu orientieren und ihren Platz in diesem vernetzten Dasein finden. Die klassischen Rollen scheinen sich immer mehr aufzulösen. Maschinen übernehmen viele Tätigkeiten, die früher die Menschen gemacht haben: Jobs verschwinden, Arbeitsabläufe ändern sich, der Alltag wird anders strukturiert. Trotz pessimistischer Stimmen, die davon überzeugt sind, dass die Maschinen bald die Kontrolle über uns haben werden, sind die positiven Aspekte dieser Entwicklung nur allzu verlockend.

Wer erzieht hier die Kinder?
Wer erzieht hier die Kinder? © Visions du Réel 2021

Was bedeutet es aber, in einer solch hochspezialisierten Welt eine Mutter zu sein? Kann man als menschliches Wesen mit einer Maschine mithalten, die nie müde oder krank wird und immer gute Laune hat? Ist die Antwort auf die allseits propagierte «perfekte Mutter» am Ende vielleicht wirklich eine Maschine? Braucht es die Mutter aus Fleisch und Blut noch, wenn Embryos bald ausserhalb des weiblichen Körpers herangezüchtet werden können?

In ihrem Essayfilm geht Regisseurin Natalia Almada der Frage nach, was es heisst, in einer immer stärker technologisierten Welt eine Mutter zu sein. Aufnahmen ihrer Kinder wechseln sich mit weiteren Bildern aus dem Alltag, der Natur, aber auch aus der Wissenschaft und Industrie ab. Diese Bilder werden durch die Stimme aus dem Off lose miteinander verknüpft. Entstanden ist daraus ein Film, der stellenweise einige Längen aufweist, der aber vor allem visuell über weite Strecken überzeugt.

Nach der Geburt ihrer Kinder machte sich Regisseurin Natalia Almada Gedanken über das Muttersein, aber auch über ihre Kinder und darüber, wie deren Zukunft aussehen wird. Entstanden ist daraus eine Mischung aus Doku und Experimentalfilm. Philosophische Gedanken werden mit einer grossen Auswahl unterschiedlicher Bilder unterlegt, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Allerdings entfalten diese Bilder in Verbindung mit dem gesprochenen Text eine starke Wirkung. Es entsteht ein Sog, der man sich beim Zusehen nur schwer entziehen kann. Was der Film zeigt oder sagt, ist nicht viel. Dennoch ergibt sich für das Publikum die Gelegenheit, eigene Gedanken zu entwickeln, was gerade dadurch möglich wird, dass der Film sich stellenweise stark zurücknimmt.

Besonders eindrücklich sind die Szenen, in denen die Kinder direkt in die Kamera schauen und das Licht des Monitors ihr Gesicht blau färbt. In diesen Momenten bleibt der Film stumm, er kommentiert nicht, lässt das Bild für sich sprechen. Dabei spürt man beinahe auf schmerzliche Weise, wie viel Ungesagtes in diesem kurzen Augenblick mitschwingt.

Nicht alle Bilder funktionieren jedoch gleich gut. Die ersten 30 Minuten des Films sind visuell und inhaltlich sehr stark. Allerdings kommt er danach etwas vom Thema ab, da er versucht sehr viele verschiedene Aspekte des modernen Lebens gleichzeitig aufzugreifen. Der thematische Schwerpunkt gerät dadurch aus dem Lot. Doch zum Schluss hin fängt sich der Film wieder und knüpft an das an, was zu Beginn angesprochen wurde.

Sule Durmazkeser [sul]

Sule schreibt seit 2019 als Freelancerin für OutNow. Sie ist Hitchcock-Fan, liebt das Hollywoodkino der Sechziger- und Siebzigerjahre und hat eine Schwäche für paranormale Horrorfilme und düstere Thriller. Mit dem derben Humor vieler US-Komödien kann sie wenig anfangen.

  1. Artikel
  2. Profil