The United States vs. Billie Holiday (2021)

The United States vs. Billie Holiday (2021)

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  2. 130 Minuten

Filmkritik: Strong, black & beautiful

Auf der Bühne reiner Glamour...
Auf der Bühne reiner Glamour... © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Billie Holiday (Andra Day) ist im Amerika der Vierzigerjahre eine der berühmtesten Jazz-Sängerinnen. So glamourös ihre Auftritte auf der Bühne sind, so unglamourös verläuft ihr Leben daneben: Sie pendelt hin und her zwischen Drogenkonsum, Betrug und einem schlechten Händchen in der Wahl ihrer Männer. Während ihre Songs hauptsächlich von Liebe handeln und in der schwerwiegend rassistisch geprägten amerikanischen Gesellschaft kaum anstössig wirken, gelangt sie durch den politischen, gesellschaftskritischen und verstörenden Song «Strange fruit» ins Visier der Justiz.

... doch daneben gibt es doch mehr Ärger, als ihr lieb ist.
... doch daneben gibt es doch mehr Ärger, als ihr lieb ist. © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Billie Holiday wird verhaftet und eingekerkert, da sich die weissen Männer im Parlament durch das Lied bedroht fühlen. Zu ihrem ärgsten Gegenspieler wird Harry J. Anslinger (Garrett Hedlund), der Vorsitzende des Federal Bureau of Narcotics. Die wahren Gründe hinter den Verhaftungen von Billie Holiday werden allerdings an einem anderen Ort vermutet: Dass sie sich öffentlich traut, «Strange Fruit» zu spielen und der Bevölkerung damit die Augen öffnen könnte, gefällt Anslinger überhaupt nicht.

In ihrer noch jungen Schauspielkarriere zeigt Andra Day als Billie Holiday eine Leistung, die viel bisher Gesehenes in den Schatten stellt. Mühe hat das Biopic hingegen damit, den Fokus zu setzen, geben das bewegte Leben und das politische Statement der Sängerin doch einfach zu viel her. So wirkt die Biografie etwas holprig und unfokussiert erzählt, gerne hätte man mehr über ihren Kampf gegen den gesellschaftlich etablierten und vom System verübten Rassismus an den People of Color erfahren. The United States vs. Billie Holiday ist zwar ein Stück amerikanischer Geschichte, hinterlässt jedoch eine grosse Leere.

Ein Leben voller Schmerz, Unterdrückung und struktureller Gewalt: The United States vs. Billie Holiday befasst sich mit der Unterdrückung der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA in den Dreissiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Eines der stärksten Zeichen gegen die Gewalt, gegen die Justiz und die stark verinnerlichten Rassengedanken präsentierte Billie Holiday 1937 vor einem breiten Publikum: das Gedicht «Strange Fruit» von Abel Meeropol, aus welchem er einen Song formte, den sie sang. Darin geht es um die Lynchmorde an People of Color in den Südstaaten Amerikas. Ein starkes Zeichen und zugleich politisches Statement, das vielen missfiel.

Worauf der Filmtitel bereits anspielt, das bewahrheitet sich auch im weiteren Verlauf von The United States vs. Billie Holiday: Nicht sie ist es, die einen Kampf führt. Nein, sie ist die Leidtragende einer beispiellosen Hetzjagd. Sinnbildlich dafür stehen die entwürdigenden Fragen, welchen sich Billie Holiday in Talk- oder Radioshows von weissen Personen immer wieder stellen musste: Warum sie ständig Ärger suche. Oder warum sie «Strange Fruit» nicht einfach nicht mehr singe. Aufgezeigt wird dadurch eine strukturelle, mächtige Gewalt, welcher sich zu jener Zeit lediglich wenige Einzelpersonen entgegenstellten.

Es stellt sich als eine Herkulesaufgabe heraus, sowohl dem bewegten Leben von Billie Holiday - mit allen Rückschlägen, der tiefen Wehmut erlebter Geschehnisse -, wie auch dem Zeitgeist der Epochen und den daraus resultierenden politischen Ereignissen gerecht zu werden. So pendelt The United States vs. Billie Holiday hin und her zwischen einem Biopic einer monumentalen Künstlerin als Privatperson und dem Porträt der Vorreiterin einer Bürgerrechtsbewegung.

Dieser Spagat gelingt während den 130 Minuten Laufzeit nicht reibungslos. Viele interessante Aspekte werden nur kurz abgehandelt oder angeschnitten. Der Fokus liegt dabei zu sehr auf dem Leben Billie Holidays neben der Bühne: Drogenexzesse, ein schlechtes Händchen bei der Männerwahl und ein ständiges Spiel aus Vertrauen und Betrug nehmen einen Grossteil der Handlung ein. Dabei wäre die Wirkung dieser bewundernswerten Frau auf die Gesellschaft und deren längst fällige Umschwung spannender gewesen. Eine Szene nach ungefähr zwei Dritteln des Filmes, die ihr politisches Engagement in den Kontext von Erlebnissen wie Rassismus oder Unterdrückung bringt, lässt den Zuschauenden das Blut in den Adern gefrieren. Weshalb nicht mehr davon?

Getragen wird der Film einzig und alleine von Andra Day, welche mit einer unglaublichen Leinwandpräsenz auftrumpft. Sowohl als berauschte, quirlig-lebensfrohe Jazz-Ikone als auch als tief melancholische, vom System gebrochene Woman of Color und Kämpfernatur macht sie einen grossartigen Job. Dass sie die Lieder von Billie Holiday auch noch selbst singt, macht ihren Auftritt zu einer kompletten Glanzleistung. Als Gesamtpaket überzeugt The United States vs. Billie Holiday deshalb, hinterlässt jedoch ein äusserst flaues Gefühl in der Magengegend.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Kommentare Total: 2

andycolette

Fantastic movie über Billie holiday tragisch und real super Performance from Andra day schade hat sie Oscar nicht bekommen! Sehr gut

yab

Filmkritik: Strong, black & beautiful

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