Und morgen seid ihr tot (2021)

Und morgen seid ihr tot (2021)

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  2. 115 Minuten

Filmkritik: Eine Mango zu viel auf der Seidenstrasse

17. Zurich Film Festival 2021
Zwei Trophäen
Zwei Trophäen © 2021 BVI (Buena Vista International). All Rights Reserved.

Ein Paar aus der Schweiz geniesst die Ferien auf der Seidenstrasse. David Och (Sven Schelker) und seine Freundin Daniela Widmer (Morgane Ferru) beissen in eine Mango. Nur blöd, dass diese klebrig ist. Sie halten mit ihrem Camper an und waschen sich mit dem Wasserkanister die Hände. Im Handumdrehen landen sie in den Fängen der Taliban. Diese fordern als Gegenleistung die Freilassung von anderen Mujaheddin und viel Geld. Die Schweiz ist neutral und die hiesigen Unterhändler bekräftigen das mit schon fast bernerischer Gmögigkeit.

«Nur über meine Leiche!»
«Nur über meine Leiche!» © 2021 BVI (Buena Vista International). All Rights Reserved.

Die Eltern von Daniela und David setzen alles daran, ihre Kinder wieder nach Hause zu bekommen. Doch die Weltsicht der Taliban ist einfach: Was nicht bärtig ist und keinen Turban hat, muss aus den USA sein. Dass sie zwei Schweizer aufgreifen, die von Neutraliät sprechen, ergibt für sie keinen Sinn. Auch dass diese mit Knarren hantieren, die das Gütesiegel «Made in Switzerland» haben, hilft dem Paar aus der Schweiz nicht wirklich weiter. Daniela und David kommen nach langer Zeit in der Sackgasse zum Schluss, dass sie etwas versuchen müssen. Doch eine Flucht bringt unzählige Risiken mit sich. Die Unterhändler geben sich weiterhin neutral.

Der neue Film von Michael Steiner füllt zu jeder Zeit die grosse Leinwand aus. Der Regisseur erzählt die Erlebnisse von Daniela Widmer und David Och hautnah. Die beiden Schweizer werden verschleppt und den Taliban zugeschanzt. Das menschliche Drama dahinter steht im Vordergrund und reisst die Zuschauer mit, ob sie wollen oder nicht. Der Film ist weitgehend unpolitisch und erzählt von den Menschen.

Die Entführung von Daniela Widmer und David Och versetzte vor zehn Jahren die ganze Schweiz in Aufruhr. Als den beiden nach Monaten in Gefangenschaft die Flucht gelang, brandete ihnen in ihrem Heimatland jedoch eine Welle der Kritik entgegen.

Das ist die Geschichte von Daniela Widmer und David Och: Der Film rechtfertigt nichts, sondern erzählt einfach, was die beiden Schweizer auf der Seidenstrasse und in mehrmonatiger Geiselhaft erlebt haben. Fazit: Im Nachhinein ist man immer schlauer; sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine Mango weniger, etwas mehr aufs Gaspedal gedrückt, ein etwas länger oder kürzer geführtes Gespräch mit der vorherigen Eskorte: die Liste von kleinen Details, die die Entführung hätten verhindern können, liesse sich lange fortführen.

Das ehemalige Paar aus der Schweiz kann nicht ungeschehen machen, was passiert ist. War es Schicksal? War es etwas, das auf ihrem Lebensweg einfach passieren musste? Es liegt auf der Hand, dass Daniela Widmer und David Och gerne auf die Entführung verzichtet hätten.

Sie sind aber nicht daran zerbrochen und so macht dieser Film auch viel Mut. Im Sport sei 70 % des Erfolgs Kopfsache. Wir wissen nicht genau, wie Daniela Widmer und David Och die Moral auch in ihrer dunkelsten Stunde hochhalten konnten, nur dass sie offensichtlich einen eine riesige Leistung vollbracht haben.

Atemberaubende Bilder von den Landschaften und die Erzählung, die hautnah am Geschehen ist, ziehen die Zuschauer sofort in ihren Bann. Besonders Morgane Ferru sticht aus dem Schauspielerensemble heraus. Mit ihrer Präsenz füllt sie (natürlich im übertragenen Sinne) die ganze Leinwand aus.

Der Film stellt auch Fragen in den Raum, ohne ein Urteil zu fällen. Vielmehr wirft sie Michael Steiner in den Kochtopf und rührt ihn um. Was hat die Neutralität eines Landes im Zuge einer Entführung für eine Bedeutung? Können sich die Unterhändler dahinter verstecken oder könnten sie auch die Grenzen etwas mehr ausloten? Was bedeutet Pressefreiheit? Darf eine Zeitung einfach schreiben, was sie will, ohne der Sache richtig auf den Grund zu gehen? Der Film ist auch ein Aufruf an uns Zuschauer, die Dinge, die wir sehen, kritisch zu hinterfragen. Hand aufs Herz: Wer hat aufgrund der damaligen Berichterstattung Daniela Widmer und David Och Leichtsinn vorgeworfen?

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss. Er liebt die grosse Anzahl an tollen Filmen, aber die Fab Five stehen für ihn eine Stufe höher: Sergio Leone, Marlon Brando, Robert De Niro, Sean Connery und Quentin Tarantino.

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Kommentare Total: 2

chr

Absolut packend, spannend und ohne eine Sekunde Verschnaufpause.

gia

Filmkritik: Eine Mango zu viel auf der Seidenstrasse

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Jetzt unter freiem Himmel!

Der Film wird Openair aufgeführt, das nächste Mal am 20. August 2022.

Trailer Schweizerdeutsch, 01:58