Unclenching the Fists - Razzhimaya kulaki (2021)

Unclenching the Fists - Razzhimaya kulaki (2021)

  1. 97 Minuten

Filmkritik: Coming-of-Kaukasus

74e Festival de Cannes 2021
Die Alternative, wenn man keine Maske zur Hand hat.
Die Alternative, wenn man keine Maske zur Hand hat. © Studio / Produzent

In der ehemaligen Bergbaustadt Mizur im Kaukasus gibt es für die junge Ada (Milana Aguzarova) nicht viele Perspektiven. Sie jobbt im Laden ihres kontrollsüchtigen Vaters (Alik Karaev), der nicht nur den einzigen Schlüssel ihrer Wohnung besitzt, sondern auch ihre Identitätskarte versteckt hat, was ihre Bewegungsfreiheit auf ein Minimum beschränkt. Die einzigen kleinen Ausbrüche sind gelegentliche Spritztouren im heruntergekommenen VW-Bus des Aussenseiters Tamik (Arsen Khetagurov), der seit längerer Zeit ein Auge auf sie geworfen hat.

Zaungast.
Zaungast. © Studio / Produzent

Eines Tages taucht jedoch Adas Bruder Akim (Soslan Khugaev) wieder in der Stadt auf. Er hat sein Zuhause vor einiger Zeit verlassen, um in der Grossstadt Rostow Arbeit zu finden - was ihm sein Vater nie verziehen hat. Es dauert nicht lange, da geraten die beiden wieder aneinander. Einer der ungelösten Konflikte besteht in der Frage nach Adas Zukunft. Denn sie hat ein körperliches Leiden, für das sie dringend Behandlung nötig hätte. Doch der Vater will die Identitätskarte nicht rausrücken, die sie dafür bräuchte.

Kira Kovalenkos düsterer Coming-of-Age-Film im kriegsversehrten Land ist zuweilen arg theatralisch inszeniert und präsentiert Charaktere, die nicht nur körperlich, sondern teilweise auch emotional verkrüppelt sind. Und doch kann man sich der traurigen Unschuld nur schwer entziehen, die Hauptdarstellerin Milana Aguzarova ihrer Titelfigur Ada verleiht. Unclenching the Fists ist kein Film, den man rasch ins Herz schliesst - und trotzdem lässt er einen nicht so schnell los.

Eigentlich wäre die Umgebung ja ganz idyllisch, das enge Bergtal um Mizur erinnert landschaftlich sogar ein wenig an die Schweiz. Wenn die Protagonisten gemeinsam am Lagerfeuer sitzen, kommt fast schon ein wenig Pfadilagerstimmung auf. Weniger ins Bild passen da jedoch die heruntergekommenen Gebäude der Stadt und die Jugendlichen, die mit alten Granaten gegen eine Hausmauer ballern. Ja, wir befinden uns hier unweit von Tschetschenien, wo vor noch nicht langer Zeit ein hässlicher Krieg tobte.

Und eben dieser Krieg gibt dem Film von Kira Kovalenko seinen traurigen Kontext. Insbesondere verweist Unclenching the Fists auf die Geiselname von Beslan im September 2004, bei der bewaffnete Terroristen ein Schulhaus mit über 1000 Kindern in Gewalt nahmen und bei dessen Erstürmung durch die Polizeikräfte mehrere Hundert Menschen starben. Zwar geht es im Film nicht direkt um diese schreckliche Tat, indirekt zeigt er jedoch deren Spätfolgen, die auch 17 Jahre später noch erschauern lassen.

Es ist deshalb kein angenehmer Film. Auch deswegen, weil die Charaktere, die lieber mit dem Körper als mit Worten kommunizieren, nicht gerade zugänglich sind. Gerade die von Milana Aguzarova gespielte Protagonistin Ada ist für das Publikum ein Rätsel. Mit einem gleichmütigen Lächeln scheint sie ihr tristes Leben tapfer hinzunehmen - bis sich die eigentliche Tragik ihres Lebens offenbart. Ihr zuzuschauen, wie sie damit umgeht, ist beklemmend und auch ein wenig irritierend. Dazu trägt auch die etwas holprige Erzählweise bei.

Seine grossen Stärken hat Kovalenkos Film hingegen in der rohen Intensität, die aus der Reibung der Charaktere entsteht. Grösstenteils geht die Handkamera dabei ganz nah an die Personen ran - mit Ausnahme einer Schlüsselszene, die aus einer längeren, ungeschnittenen Plansequenz besteht. Sich dieser Intensität zu entziehen, fällt schwer - auch wenn man es zuweilen gerne möchte. Denn dieser Blick in das Innenleben einer Familie wirkt teilweise ganz schön heftig.

Genau wie die Protagonistin möchte man auch als Zuschauer am liebsten möglichst weit weg von diesem landschaftlich so schönen und doch so schrecklich deprimierenden Ort. Die Metapher der engen und beengenden Bergtäler, aus denen es auszubrechen gilt, mag - gerade hierzulande - etwas abgelutscht sein. Doch wenn sie irgendwo passt, dann in diesem trostlosen Kaff im Kaukasus.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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