Tromperie (2021)

Filmkritik: Liebe und andere Belanglosigkeiten

74e Festival de Cannes 2021
Lange mache ich das nicht mehr mit!
Lange mache ich das nicht mehr mit! © Shanna Besson

Philip (Denis Podalydès) ist ein Autor, der im London des Jahres 1987 seine Bücher schreibt. Ursprünglich aus Amerika und jüdischer Abstammung entstammend, befasst er sich am liebsten mit der Leidensgeschichte der jüdischen Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges. Regelmässig besucht ihn seine junge englische Geliebte (Léa Seydoux) in seinem Büro, einem noblen, bohèmen Apartment.

Hoffentlich hat sie zuvor die Füsse gewaschen!
Hoffentlich hat sie zuvor die Füsse gewaschen! © Shanna Besson

Dort führen sie ausufernd lange Gespräche zusammen, über Literatur, die Vergangenheit der jüdischen Bevölkerung, über Liebe und das Leben selbst. Sie lieben sich leidenschaftlich, um sich wieder zu verlassen, oder es sich zumindest anzudrohen. Philip schreibt sich Anekdoten in sein kleines Notizbuch, das er immer bei sich hat, ausser ihm jedoch niemand lesen darf. Dieses enthält Erinnerungen aus Philips Vergangenheit und Tagebucheinträge aus der Gegenwart. Langsam, aber sicher verschmelzen Fiktion und Realität.

Tromperie versucht sich als Milieustudie der Oberschicht, scheitert jedoch an seinem eigenen Unvermögen und dem eigenen Desinteresse an der Story und den Charakteren. Zu belanglos bleibt das Geschehen, es fehlt an Vielfalt und Inspiration. Und diverse Dialog- und Liebesszenen wiederholen sich gebetsmühlenartig. Diesen Film kann man sich sparen.

Arnaud Desplechins Drama Tromperie nimmt sich einer Geschichte der nahen Vergangenheit in Londons Oberschicht an. Der Film zeigt eine Milieustudie in ernüchternder Ausuferung, wird nie müde, seinen Standpunkt zu betonen und diesen an das Publikum zu tragen. Spätestens nach wenigen Einstellungen dürfte klar sein, dass es sich dabei um eine Geschichte eines alten Autors mit junger Geliebten handelt. Nicht nur dies, sondern auch, in welchem Umfeld dies stattfinden soll: in der Oberschicht, der Bohème par excellence.

Dies wird regelrecht zelebriert, immer wieder und wieder muss gezeigt werden, wie exklusiv und intellektuell Philip ist, welchen Einfluss und welche Anziehung er auf die Frauenwelt hat, dass sie ihm zu Füssen zu liegen scheinen. Recht schnell wird genau das recht anstrengend, sein Charakter wird nicht im geringsten interessanter. Der Fakt, zu wissen, dass er seine Frau betrügt und wahrscheinlich schon immer betrogen hat, verhilft ihm auch nicht zu Sympathiepunkten. Doch auch der Charakter der jungen Geliebten wird nur unzureichend ausgeleuchtet, ihr Hintergrund scheint keine grosse Rolle zu spielen scheint. Im Fokus steht die Liebschaft der beiden in der Gegenwart und die in Philips Vergangenheit.

Tromperie langweilt mit unzähligen Sexszenen, um wirklich allen klarzumachen, wie verrückt die beiden aufeinander sind. Wenn die beiden nicht gerade umschlungen auf dem Teppich vor dem Kamin liegen oder sie genüsslich ihre Füsse an ihm reibt, führen sie Gespräche: belanglose, nervtötende Diskussionen, stellen sich Fragen, die teilweise beantwortet, teilweise einfach offen stehen bleiben. Hintergründe werden angedeutet, unzureichend abgearbeitet, werden unwichtig und zu einer reinen Notiz in Philips Büchlein degradiert.

So zieht sich der Film dahin, arm an Highlights und uninteressant. Der Fakt, dass sich die Story grösstenteils im Apartment von Philip abspielt, kommt dem Film auch nicht entgegen, sehr bald ist die Szenerie erkundet und bekannt, ohne, dass sie einem Mehrwert bieten würde. Optisch gleicht der Film einer TV-Produktion, die Bilder wirken mit vielen Braun- und Beigetönen ermüdend, die musikalische Untermalung mit dem Klavier einschläfernd. Tromperie erzählt uninspiriert eine Geschichte, die beim Publikum kaum Emotionen auszulösen vermag.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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