Tre piani (2021)

Tre piani (2021)

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  3. 119 Minuten

Filmkritik: Telenovela à l'italienne

74e Festival de Cannes 2021
Der strenge Blick des Richters.
Der strenge Blick des Richters. © Studio / Produzent

In einem römischen gutbürgerlichen Wohnhaus kommt es in einer Nacht zu einem schlimmen Unfall. Andrea (Alessandro Sperduti), der Sohn eines Richters (Nanni Moretti) und einer Juristin (Margherita Buy), überfährt erst eine Frau und landet dann mit dem Wagen im Wohnzimmer des Paares im Erdgeschoss. Ab diesem Moment reihen sich die Ereignisse aneinander. Lucio (Riccardo Scamarcio) verdächtigt den älteren Nachbarn (Paolo Graziosi), sich an seiner Tochter vergangen zu haben. Um das herauszufinden, schläft er seinerseits mit dessen minderjährigen Enkelin (Denise Tantucci).

Neues Leben, neues Kleid
Neues Leben, neues Kleid © Studio / Produzent

Im gleichen Haus wohnt auch eine junge Mutter (Alba Rohrwacher), deren Ehemann (Adriano Giannini) oft monatelang wegbleibt und die befürchtet, wie ihre eigene Mutter den Verstand zu verlieren. Gleichzeitig ist das Ehepaar Richter-Juristen mit dem unreuigen Sohn beschäftigt, den sie schliesslich verstossen. Als der Richter stirbt, versucht die Frau, sich wieder dem Sohn zu nähern, der mittlerweile aus dem Gefängnis gekommen ist und seine eigene Familie gegründet hat.

Wie eine schnulzige Telenovela, in der jeder mit jedem schläft und sich eine Intrige an die andere reiht, könnte Nanni Morettis aktueller Film, der bereits so viel zu lange ist, noch ewig ausgeweitet werden. Nur fehlt es Tre piani an jeglicher Spannung oder gar politischer und gesellschaftlicher Relevanz. Das Altbackene, das Morettis Filme und seine Protagonisten oft charakterisiert, aber meist für einen ironischen Zwischenton sorgt, wirkt hier leider nur sperrig und überholt.

Über drei Schritte von jeweils fünf Jahren erzählt Nanni Moretti aus dem Leben von vier italienischen Familien aus der oberen Mittelschicht. Wie immer in seinen Filmen, konzentriert er sich auf diese privilegierte Sozialklasse, deren Dekadenz und Perversion er gerne denunziert. Was bisher die Stärke Morettis ausgemacht hat, nämlich die unterschwellige Ironie und Selbstkritik, fehlt hier nun vollkommen. Entstanden ist aber kein klassisches Melodrama, sondern vielmehr eine uninspirierte Aneinanderreihung von in vielen Zügen peinlich-lächerlichen Einzelszenen.

In der Fülle der verarbeiteten Themen lassen sich sexueller Missbrauch von Kindern, sexuelle Nötigung von Minderjährigen, Wahnsinn, Schwangerschaftsdepression, Demenz als nur einige davon auflisten. Genauso umfangreich fällt auch die Besetzung mit durchaus renommierten italienischen Schauspielern aus, die hier bis auf wenige Ausnahmen abwechselnd farblos oder exaltiert wirken. Dies muss am Drehbuch liegen, das zu viel will und deswegen die Einzelszenen sehr verknappt abspulen lässt.

Die einzelnen Sequenzen finden sich nicht zu einem kohärenten Ganzen zusammen und Moretti entgleitet die Form des Films. Er hätte sich vielleicht für eine fragmentierte Erzählweise entscheiden sollen, die es ihm ermöglicht hätte, die Geschichte in selbstständigen Episoden zu erzählen. Kann gut sein, der Roman des israelischen Autors Eshkol Nevo, den Moretti nach Rom transferiert, zu komplex für das Vorhaben war. Vermutlich hätte man aus den verschiedenen Erzählsträngen eine Auswahl treffen müssen. Auf jeden Fall hat hier der italienische Regisseur ein enttäuschendes Werk präsentiert, das man eher einem Anfänger zugeordnet hätte.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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