La traversée (2021)

La traversée (2021)

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  2. 84 Minuten

Filmkritik: Es kann noch schlimmer werden...

19. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2021
«I knew you were trouble...»
«I knew you were trouble...» © Florence Miailhe

Irgendwo in Europa: Das Mädchen Kyona stammt aus einer armen Familie vom Land, erlebt jedoch eine glückliche Kindheit. Doch eines Tages kommen Milizen in das Dorf, zünden alles an und verprügeln oder töten viele der ethnischen Minderheit im Dorf. Kyonas Eltern machen das, was fast alle anderen Überlebenden machen: Sie packen ihre wenigen Habseligkeiten und flüchten Richtung Westen. Sie wollen über die Grenze, zum Cousin des Vaters, dort sollen sie sicher sein. Zwar schafft es die siebenköpfige Familie auf einen Zug, doch als das Militär diesen durchsucht, werden Kyona und ihr Bruder Adriel von den Eltern und den jüngeren Geschwistern getrennt.

Gemeinsam reisen die beiden weiter und versuchen sich allein durchzuschlagen. Dabei schliessen sie zwar immer wieder Freundschaften, mit Strassenkindern, Waldbewohnern, Zirkusleuten und Häftlingen, begegnen jedoch auch mehrfach dem fiesen Jon, der sich eine goldene Nase damit verdient, heimatlose Kinder zu verkaufen. Auf dem Weg in eine immer ungewisser werdende Zukunft haben Kyona und Adriel nur einander und ihre Erinnerungen, die das Mädchen in den Zeichnungen in seinem Skizzenheft festhält.

Trotz teilweise farbenfroh inszenierten Bildsequenzen, die in einigen Szenen fast schon märchenhaft entrückt wirken, bringt der Animationsfilm La traversée viele der dunkelsten Aspekte von Flüchtlingsschicksalen auf die Leinwand. Inspiriert von der Geschichte ihrer eigenen Vorfahren, hat Regisseurin Florence Miailhe ein eindrückliches animiertes Werk erschaffen, dessen Produktion fast zehn Jahre dauerte. Neben der bedrückenden Story, die leider aktuell wie nie ist, beeindruckt insbesondere der besondere Animationsstil, für den jedes Bild einzeln mit Öl auf Glasplatten gemalt wurde und auch die gut sichtbaren Pinselstriche entscheidend zum Erzählten beitragen.

Seit 2012 hat Florence Miaihle am Film um die junge Kyona gearbeitet. Dieser fasst mit der Flüchtlingsthematik ein heisses Eisen an, das leider nie an Relevanz zu verlieren scheint. Zwar spielt der Film zur heutigen Zeit - so nutzen etwa die Schurken im Film Handys -, doch in gewisser Weise lässt sich der Film als eine zeitlose und auch örtlich nicht näher verortbare Fluchtgeschichte verstehen, die überall und jederzeit stattfinden könnte. Inspiration holte sich Miaihle aus ihrer eigenen Familiengeschichte, war ihre Grossmutter doch 1905 nach den Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung in Odessa, Ukraine, nach Frankreich geflohen. La traversée ist somit gleichermassen eine Geschichte über Flucht wie auch über das Erinnern an sich.

Der Film prägt sich besonders durch die gewählte Animationsform ein, bei der die fast schon kindlichen Zeichnungen, welche die Kinderperspektive zusätzlich verdeutlichen, gerade durch den Kontrast zu ernsten Themen wie Verfolgung, Gewalt und Entbehrung herausstechen. Dafür wurde - wie auf Fotos im Abspann zu sehen ist - mit Ölfarben auf Glasplatten gemalt, die dann für die Animation übereinandergestapelt gefilmt wurden. Ein weiterer Kontrast ergibt sich durch die Gegenüberstellung der Schwarzweisszeichnungen mit den restlichen gemalten Filmbildern in Farbe: Halten die Kohlezeichnungen, mit denen die Protagonistin das Erlebte festhält, Erinnerungen an verlorene Orte und Personen fest, beleben die gemalten Bilder die erzählte Gegenwart, wobei vor allem die gut erkennbaren Pinselstriche eindrücklich Bewegung und Atmosphäre untermalen.

Leichte Kost ist La traversée sicher nicht; vor allem gegen Schluss hin scheint der Film ein bisschen die Hoffnung zu verlieren. Zumindest stellenweise aufgelockert werden die vielen deprimierenden Wendungen durch einige fast schon märchenhafte Sequenzen, so etwa im Wald oder beim Zirkus, in denen die Protagonistin ihr Leid vorübergehend ein bisschen vergessen kann.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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