Tout s'est bien passé (2021)

Tout s'est bien passé (2021)

Tout s'est bien passé - Alles ist gut gegangen
  1. 113 Minuten

Filmkritik: Old men crying

74e Festival de Cannes 2021
Ja, Auskunft? Die Nummer von Gevatter Tod, bitte
Ja, Auskunft? Die Nummer von Gevatter Tod, bitte © Carole Bethuel_Mandarin Production_Foz

André (André Dussollier) erleidet eines Tages einen Schlaganfall. Im Spital wird er besucht und liebevoll umsorgt von seiner Tochter Emanuèle (Sophie Marceau), die ihr eigenes Leben hinten anstellt. André, zuvor ein lebensfroher, aufgestellter Mann, verliert nach und nach die Freude am Leben und verfällt in Selbstmitleid. Auch seine zweite Tochter Pascale (Géraldine Pailhas) besucht ihn im Spital. Die Bindung von André zu Emanuèle scheint dabei zwar kompliziert, jedoch inniger zu sein, sodass er eines Tages ihr gegenüber den Wunsch äussert, aus dem Leben zu scheiden: Er möchte Sterbehilfe in Anspruch nehmen, da er seinen körperlichen Zerfall nicht mehr aushält und keinen Sinn in seinem Leben mehr sieht.

Ja Paps, habe ihn angerufen, er hat leider gerade noch keine Zeit.
Ja Paps, habe ihn angerufen, er hat leider gerade noch keine Zeit. © Carole Bethuel_Mandarin Production_Foz

Das überfordert die beiden Töchter, sie benötigen Zeit, mit der neu entstandenen Situation umzugehen. Emanuèle erhält dabei Unterstützung von ihrem Partner Serge (Éric Caravaca) und entscheidet sich schlussendlich, ihren Vater bei seinem Wunsch zu unterstützen. Das Unternehmen erweist sich schwieriger als gedacht, da es in Frankreich nicht legal ist, einem Menschen aktive Sterbehilfe zu gewähren. Emanuèle macht sich auf die Suche nach einer Lösung.

Tout s'est bien passé wandelt auf den Spuren vorgängiger Filme über Sterbehilfe. Dabei macht der Film vieles richtig, vermag sich aber dennoch nicht auszuzeichnen gegenüber bisherigen Filmen gleicher oder ähnlicher Thematik. Dafür ist er zu inkonsequent, schneidet diverse Themen an, ohne diesen abschliessend gerecht zu werden. Spannung und grosse Emotionen - es geht schlussendlich ja doch um den Abschied eines mehr oder weniger geliebten Menschen - bleiben grösstenteils aus, sodass der bevorstehende Tod von André quasi zur Nebensache wird.

In seinem neusten Film Everything went fine thematisiert François Ozon mit der Sterbehilfe ein gesellschaftlich kontrovers diskutiertes Thema, welches in unterschiedlichen Ländern auf unterschiedliche Gesetzeslagen trifft. An und für sich ist das keine gänzlich neue Thematik, auch Filme wie Tour de Farce oder, in einem etwas fantastischeren, düsteren Setting, The suicide tourist haben sich damit befasst.

Tout s'est bien passé legt den Fokus des Geschehens dabei jedoch mehr auf die beiden Töchter, wobei die Beziehung zwischen Emanuèle und ihrem Vater etwas mehr im Zentrum steht als diejenige zwischen ihm und Pascale, seiner zweiten Tochter. Es geht darum, wie die Töchter mit dem Wunsch ihres Vaters umgehen, und wie die Reaktionen ziemlich unterschiedlich ausfallen. Die Vorgeschichte, der Schlaganfall des Vaters, steht dabei längere Zeit im Vordergrund.

Dies ist recht schnell anstrengend, und als sich bei einem einigermassen erwarteten Plot-Twist noch ein weiterer, älterer Protagonist ins Geschehen einmischt, der beinahe ebenso hysterisch, jedoch weitaus aggressiver auftritt, wird es beinahe mühsam. Damit provoziert der Film zwar einige Lacher, welche die Situation und die ernste Thematik etwas auflockern, dabei bleibt es jedoch bei Situationskomik.

Es kommt den Zuschauenden auch nicht entgegen, dass André ein eher unsympathischer Vater ist, was durch kurze Rückblenden in die Kindheit von Emanuèle mehrmals untermauert wird. So fällt es schwer, dem jammernden Griesgram ein Minimum an Empathie entgegenzubringen und Verständnis für seine Situation zu entwickeln. Umso mehr fühlt man sich Emanuèle und ihrer verantwortungsvollen Aufgabe verbunden, sie trägt beinahe sämtliche Sympathien des Filmes auf sich und zeigt sich als aufopferungsvolle, vergebende Tochter, Mutter und Frau.

Tout s'est bien passé befasst sich mit einer spannenden, ernstzunehmenden Thematik, erhält jedoch Abzug bei der Charakterzeichnung einiger Hauptfiguren und vermag es nicht, die starken Emotionen eines endgültigen Abschiedes auf die Zuschauenden zu übertragen.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Trailer Französisch, mit deutschen Untertitel, 02:00