Titane (2021)

Titane (2021)

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  3. 108 Minuten

Filmkritik: Abgefahren

74e Festival de Cannes 2021
Shit, scho wider Wäschtag verpasst!
Shit, scho wider Wäschtag verpasst! © Agora Films

Das rebellische Mädchen Alexia (Agathe Rousselle) provoziert seinen Vater während einer Autofahrt so lange mit Fusstritten in dessen Rücken, bis dieser ausfällig wird, sich zu ihr dreht und einen Unfall verursacht. Alexia wird infolgedessen im Spital eine Titanplatte in den Schädel implantiert, was an einer charakteristischen Narbe an der Schädelseite sichtbar bleibt.

Women vs Machine
Women vs Machine © Agora Films

Einige Jahre später, Alexia ist unterdessen erwachsen und strippt in einer ausgedienten Fabrikhalle. Neben schnellen Autos, leichten Mädchen und toughen Jungs gibt es eine bemerkenswerte Fanbase ihrer Tätigkeit: Täglich stehen junge Typen Schlange, um ein Selfie mit ihr zu ergattern oder eine Unterschrift zu erhalten. Leider sind diese nicht alle immer so harmlos, wie sie (nicht) aussehen, was zu einem Zwischenfall führt, der Alexias Leben noch unüberschaubarer macht. Gleichzeitig geschieht eine unheimliche Mordserie, welche die Bevölkerung ratlos zurücklässt. Alexia taucht ab und nimmt eine neue Identität an, die sie zu Vincent (Vincent Lindon) führt. Dieser sieht in ihr seinen vor zehn Jahren verschwundenen Sohn Adrien und nimmt sich ihrer/seiner an.

Es gibt Filme, die lassen sich nur schwer einordnen, Titane ist genau ein solcher Fall. Die Gliederung in zwei ziemlich unterschiedliche Teile macht ein Résumé umso komplizierter. Die Mindfuck-Horror-Komödie von Julia Ducournau bleibt jedoch überraschend und trumpft mit starkem Vorwärtsdrang, einem unheimlichen Tempo, beinahe unendlichem Einfallsreichtum und Gewaltausbrüchen auf und stösst das Publikum mehr als einmal ordentlich vor den Kopf.

Julia Ducournau bewies bereits mit Raw, dass sie ein Faible für absurde Geschichten und Hang zur ästhetischen Brutalität hat. Mit Titane erschafft sie die perfekte Metamorphose zwischen Mensch und Maschine, zwischen organischem Körper und anorganischer Mechanik. Dabei vergisst sie nicht die Liebe zum Detail: dröhnende Motoren in Nahaufnahme, Ölfluss im Überschuss, Kleider-berstende Körper und Körperlichkeit - sie inszeniert die fleischgewordene und dennoch materiell-fetischistische Wollust. Dabei erinnert der Film an Cronenbergs frühere Bodyhorrorfilme und natürlich den Objektophilie-glorifizierenden Crash, in dem die sexuelle Anziehung zu Maschinen mit vielen PS zelebriert wird.

Alles ist dreckig, abgenutzt, verbraucht und verrucht. Der Film offenbart eine düstere Welt mit tiefen psychischen Abgründen der Menschheit. Der Mensch in seiner rawsten Form, ohne Skrupel, Gewissen und Hemmungen wird hier dargestellt. Heftige, widerliche Gewaltspitzen prägen die erste Filmhälfte und machen den Film beinahe zum Revenge-Splatter: Hier werden Körper mit ganzer Dringlichkeit von Gegenständen durchbohrt, sexuelle Fantasien bis ins Detail ausgelotet, der Film geizt dabei nicht mit Zurückhaltung. Jeder und jede, welche sich in Alexias Leben quergestellt hat oder ihr zufällig in die Quere kommt, bezahlt einen hohen Preis dafür.

Man könnte in Titane eine Kritik an patriarchisch geprägten Systemen und Gesellschaftsstrukturen sehen; ein direktes Anprangern der Macho-Kultur und feministisches Statement betreffend Selbstbestimmung und Empowerment. Doch widerlegt der Film diese These sogleich selbst wieder: Ohne tiefgreifende Auseinandersetzung und Diskussion funktioniert er als reine, derbe Unterhaltung, die zwar an der Oberfläche kratzt, jedoch nicht in diese eindringen kann.

Frauen dienen in der ersten Filmhälfte als reine Objekte der Begierde, wenn sie sich auf Autos räkeln und in Carwash-Szenen lüsterne Altherrenfantasien bedienen. Die Kamera wird auch in der anschliessenden Dusche - nach der Performance - nicht beiseitegelegt, sondern ergötzt sich an voller Körperlichkeit. Doch auch die Feuerwehr-Szenen strotzen vor ausgestrahlter Symbolik: Beinahe homoerotisch bilden sie den Gegenpart zur rein weiblichen Fleischesschau zu Beginn. Titane dies anzukreiden und ihm eine fehlende kritische Auseinandersetzung mit vorzuwerfen, wäre jedoch auch falsch, da nie ein ganz klarer Standpunkt definiert wird, welche Message vermittelt werden soll.

Julia Ducournau Film funktioniert als unterhaltsame Horrorkomödie auch so ausgezeichnet, hat optisch allerhand zu bieten. Der wilde Ritt mit rockigem Soundtrack, bunten Kulissen und Neonlichtern erinnert beinahe etwas ans Schaffen eines Nicolas Winding Refn. Titane provoziert, die Frage ist nur, ob man sich davon provozieren lässt.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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