Time (2021/IV)

Time (2021/IV)

  1. 99 Minuten

Filmkritik: Die Zeit läuft

17. Zurich Film Festival 2021
Mit den alten Männern legt sich besser keiner an.
Mit den alten Männern legt sich besser keiner an. © Zurich Film Festival

Chau (Patrick Tse), Fung (Petrina Fung) und Chung (Lam Suet) waren einst ein eingespieltes Trio, das in der Unterwelt von Hong Kong für seine Kampfkünste und die effiziente Ausführung von Auftragsmorden bekannt war. Doch das ist lange her. Heute arbeitet der 80-jährige Chau in einem Nudelrestaurant. Seine einstige Fertigkeit mit dem Messer ist nicht mehr gefragt, sein Chef ersetzt ihn mit einem automatischen Nudelschneider. Fung betreibt eine Bar, mit der sie für ihren erwachsenen Sohn und dessen Frau und Kind sorgt.

Auf Druck der Schwiegertochter lässt sich Fung darauf ein, der Familie den Umzug in eine bessere Gegend zu finanzieren, damit das Kind in eine gute Schule kann. Das bedeutet, dass sie mehr Geld braucht, weswegen sie ihre Partner von damals reaktiviert. Während Chung die Rolle des Fahrers übernimmt, Fung für die Organisation und die finanzielle Abwicklung zuständig ist, ist Chau der Mann fürs Grobe. Als Kunden haben sie alte Menschen, die wegen schwerer Krankheit, starker Armut oder einer Kombination von beidem nicht mehr leben wollen.

Time des Hongkong-Regisseus Ricky Ko zeigt einmal mehr, was südostasiatisches Kino kann. Der Film fügt meisterhaft Elemente wie Kampfkunst, Drama, Humor und Sozialkritik zu einem kurzweiligen, schwungvollen Ganzen zusammen. Er vereint drei Altmeister des Filmgeschäfts in den drei Hauptrollen, reflektiert über das Thema, in Würde alt zu werden und präsentiert einige anrührende Szenen, in denen sich zwischen grundsätzlich Fremden eine natürliche und tiefgreifende Solidarität entwickelt. Nicht zuletzt läuft einem wegen der verschiedenen Schüsseln Nudeln das Wasser im Mund zusammen.

Das Geschäft des ehemaligen Auftragsmörder-Trios, das in die Jahre gekommen ist, läuft erstaunlich schnell wieder an. Sie betreiben assistierten Selbstmord, für alle, die ihr Leben als zu schmerzhaft empfinden. Hier wird der Film auch zum politischen Kommentar, da er sich mit Altersarmut und einem schwachen Sozialstaat beschäftigt. Er verzichtet darauf, das Thema anklagend auszuschlachten, aber wirft dennoch einen präzisen und empathischen Blick darauf. Um Einsamkeit insgesamt geht es vermehrt im Stoff. Da sind die drei Protagonisten, die alle auf die eine oder andere Art auf sich selbst gestellt sind. Aber auch die junge Frau, die als Störenfried im Leben von Chau auftaucht und sich hartnäckig hält, obwohl er alles versucht, um sie loszuwerden.

Was die Figuren alle gemeinsam haben, ist die Unfähigkeit, in Worte auszudrücken, dass sie sich im Grunde gegenseitig schätzen, brauchen und wollen. Eine gewisse Scham hindert sie daran. Die resolute Chung versteckt ihre Verletzlichkeit hinter einer harten Fassade. Von ihrem Sohn, den sie durch viel Opferbereitschaft aufgezogen hat, ist sie enttäuscht. Plötzlich ist sie ihm als Sängerin und Barbesitzerin nicht mehr gut genug. Wertschätzung erhält sie von niemandem. Als sich die beiden Männer Chau und Chung wieder regelmässig in der Bar treffen, auch wenn es um das gemeinsame Geschäft geht, findet sie etwas Trost.

Ähnlich geht es auch Chau, gespielt von Patrick Tse, der übrigens selbst schon über 80 Jahre alt ist. Er findet ebenfalls zu einem neuem Selbstwertgefühl. Während er in der Nudelbar von einem Automaten abgelöst wurde, kann er die Klinge seines Messers in den Dienst der anderen stellen. Auch wenn es seine Gründe gegeben haben muss, wieso sich die drei einst entfremdet haben, sie finden zu einer neuen Zweckgemeinschaft wieder zusammen. Diese melancholische Stimmung, die von den drei älteren Figuren ausgeht, macht aber nur eine Ebene des Films aus.

Time wartet mit vielen unerwarteten Wendungen auf. Und vielen humorvollen Szenen, wenn Chau mit der jungen Frau kämpft beispielsweise, er sich vor der Polizei als ihren Grossvater ausgibt oder ihrem Ex-Freund die Leviten liest. Nie wird der Film kitschig, immer hält er das von Anfang an schnelle Tempo und bietet sorgfältig komponierte Bilder, die mit satten Farben und spärlich beleuchtet an Klassiker des Hongkong-Films wie jene von Wong Kar Wai oder Johnnie To erinnern. Aus dieser Zeit kommen auch die Darsteller selbst wie Petrina Fung mit ihrem anrührenden Gesangsauftritt und Lam Suet, der, obwohl er meist immer nur Nebenrollen spielt, mit seiner charismatischen Präsenz zwangsläufig zu einem Höhepunkt seiner Filme wird.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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