Tiger und Büffel (2021)

Tiger und Büffel (2021)

  1. 95 Minuten

Filmkritik: When Karate Kid grows up

Wenn man nichts mehr selber machen kann
Wenn man nichts mehr selber machen kann © Mythenfilm

Der aus dem Appenzell stammende Bruno Koller, auch als «Bruno Sensei» bekannt, träumt davon, sein eigenes Dojo zu eröffnen, um Karate unterrichten zu können. Nach einer Japanreise mit seiner ersten Frau festigt sich dieser Wunsch nur noch mehr und das Paar setzt ihn gemeinsam in die Realität um. Unter anderen gehört auch Brunos Sohn zu seinen frühen Schülern. Dieser ringt aber mit dieser Beziehung, da sich die Grenzen zwischen Sensei und Vater vermischen.

«Hoffentlich kunnt kei Cobra Kai, susch muess i hei.»
«Hoffentlich kunnt kei Cobra Kai, susch muess i hei.» © Mythenfilm

Mittlerweile lebt Koller mit seiner zweiten Frau und dem gemeinsamen kleinen Sohn und praktiziert auch mit fast 70 Jahren auf dem Buckel immer noch seine Kampfkunst. Als er jedoch plötzlich weniger gut sehen kann, denkt er, es läge an seinen Augen. Die Diagnose ist ein Schock für ihn: Demenz. Eine Krankheit, mit der nicht nur er selbst, sondern auch seine ganzen Familie zu kämpfen haben wird. Trotz Bruno Senseis Kampferfahrung ist er dafür nicht gewappnet.

Tiger und Büffel ist eine Dokumentation, die nicht kalt lässt. Klar strukturiert und mit gutem Erzähltempo baut sie einen Spannungsbogen auf, wie man ihn auch aus Spielfilmdramen gewohnt ist. Vor allem das Mitleiden der Angehörigen, die sich um ihren Bruno sorgen, gibt dem Film seine Seele. Eine Familie wie diese können wir uns alle nur wünschen, sollte es uns einmal schlecht gehen.

Bruno Koller ist kein typischer Filmheld. Der Karate-Enthusiast hat in seiner Familie viel Schmerz verursacht und zeigt sich vor Regisseur Fabian Biasios Kamera nicht nur von seiner besten Seite. Umso berührender ist es mitanzusehen, mit wie viel Liebe sich seine Familie, allen voran seine Exfrau, um den erkrankten Bruno kümmert. Diese bedingungslose Hingabe ist ein wahrer Hoffnungsschimmer in einem Film, der teilweise schwer zu ertragen ist. So wird überdeutlich gezeigt, wie sehr sich ein Mensch durch Demenz verändert und wie stark diese neue Hilflosigkeit sein kann.

Wahrscheinlich hat selbst Filmemacher Biasio nicht gedacht, welch tragische Reise er mit seinem Protagonisten antreten würde. Während der acht Jahre, in denen er Bruno Sensei begleitete, tritt ein unvorhersehbarer Schicksalsschlag ein. Der Film, der daraus resultiert, ist «happig» und keine leichte Kost für zwischendurch.

Nebst der Krankheit sorgen auch viele andere Faktoten für ein Wechselbad der Gefühle. Das gestörte Verhältnis zwischen Vater und Sohn lässt Bruno nicht gerade gut aussehen. Umso bewegender ist es, wie sein Sohn immer zu ihm steht. Dieser intime Einblick in das Leben der Angehörigen, die dem Filmteam hier gewährleistet wurden, wirken teilweise fast schon voyeuristisch und unangenehm, sind aber für die emotionale Tiefe unabdingbar.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd