Taming the Garden (2021)

Taming the Garden (2021)

Grosser Baum auf Reise - Taming The Garden
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  2. 86 Minuten

Filmkritik: Gotta Replant 'Em All

Ein Baum im Einbaum
Ein Baum im Einbaum © Vinca Film

Von Pflanzen umwachsene Brunnen, wolkenverhangene Bäume und ein verträumt vor sich hinplätscherndes Flussbett: In Georgiens Wäldern scheint die Idylle perfekt. Zumindest fast, denn mitten im Nirgendwo walzt ein Bagger übers Kies, rackert eine Handvoll Männer zwischen den Stämmen. Sie sind im Auftrag eines Mannes hier. «Dieser Mann ist verrückt nach Bäumen», verrät einer. «So einen grossen Baum hatte er noch nie!»

Dieser Mann, das ist der ehemalige georgische Ministerpräsident Bidsina Iwanischwili. Dieser kann nämlich Bäume ausreissen. Vielleicht auch vor Freude, sicherlich aber wegen seines Reichtums. Denn wenn dem milliardenschweren Unternehmer ein Baum gefällt, will er ihn haben. Doch die Hände macht er sich selbstverständlich nicht dreckig, sondern schickt Arbeiter hinaus. Diese sorgen nicht nur im Wald, sondern auch in den frugalen Ortschaften für Aufruhr, wo sie mitunter hingeschickt werden. Denn plötzlich gibt es für deren Bewohner Geld für einen Baum. Geld, das viele gut gebrauchen können.

Entwurzelung als Symptom der Ignoranz: Baum- und Menschenleben sind eng miteinander verbunden in diesem Film, der unaufgeregt eine Absurdität dokumentiert. Langsam und bedächtig werden die Aspekte eingesammelt, die eine vermeintlich unverfängliche Baumfällung begleiten und in schönen und verstörenden Bildern wiedergeben.

Nach einer etwas lang geratenen Einführung im Wald gelangt man in Dörfer und dort mitten in Debatten, die bemerkbar an Intensität gewinnen. Begleitet vom Lamento der Dorfältesten debattieren sie energisch über die Vertrauenswürdigkeit der Handlanger Iwanischwilis und darüber, ob es vertretbar sei, Geld oder auch den Bau einer neuen Strasse für einen Baum zu tauschen.

So entdeckt diese Dokumentation weniger ökologische denn soziale Spannungen, die sie in naturalistischen und von Symbolkraft nur so strotzenden Episoden wiedergibt. Der Baum, hier zeichen- und wahrhaftig verzahnt mit der Heimat und dem (Menschen-)Leben wird porträtiert als Opfer des rücksichtslosen Raubbaus, verursacht von einem sich sonnenkönighaft gebarenden Plutokraten.

Als ob dessen Praxis nicht schon genug absurd wäre, zeigt Regisseurin Salomé Jashi (The Dazzling Light of Sunset) in weiten Tableaus die wunderschöne Landschaft Georgiens, in die alienartig wirkende Bagger dringen, und fängt Bilder ein, die ganz im Stile des belgischen Malers René Magritte die Vernunft aufrütteln. Ein still stehender Baum in vertikaler Bewegung: Der Versuch, das auf einen Nenner zu bringen, muss zwangsläufig scheitern.

Die Lust an diesen geistigen Konflikten ist hier omnipräsent und macht Taming the Garden zu einem ästhetisch runden Erlebnis. Man bekommt viel Raum, um die eigenen Gedanken zu sortieren. Diese fast schon hypnotischen Strecken, in denen kaum etwas passiert, können manchmal etwas zu lange dauern, doch gilt hier wohl dasselbe wie für die Bäume: Gut Ding will Weile haben. Iwanischwili scheint das zu wissen. Leider.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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