Sundown (2021)

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  2. 83 Minuten

Filmkritik: Nur die Sonne war Zeuge

78. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2021
Going loco, down in Acapulco
Going loco, down in Acapulco © Studio / Produzent

Die britische Familie Bennet macht Urlaub in einem Luxusresort in Acapulco. Bis eine Todesnachricht dem relaxten Fläzen in der Sonne ein jähes Ende setzt. Die Mutter von Alice (Charlotte Gainsbourg) liegt im Sterben. Die Kinder Colin (Samuel Bottomley) and Alexa (Albertine Kotting McMillan) werden sofort angewiesen, die Koffer zu packen, und man eilt überhastet zum Flugzeug nach Hause.

This thing is not a fling.
This thing is not a fling. © Studio / Produzent

Beim Einchecken am Flughafen muss aber Neil (Tim Roth) zurückbleiben. Er hat seinen Pass vergessen und soll so schnell wie möglich nachreisen. Zurück in Acapulco denkt Neil aber gar nicht daran, die Stadt zu verlassen. Er nimmt sich ein billiges Zimmer und verbringt die Tage mit Bierchen am Strand. Er freundet sich mit der Ladenbesitzerin Berenice (Iazua Larios) an und ignoriert die Anrufe von Alice je länger je mehr.

Der Pessimist unter den Welt-Regisseuren Michel Franco schildert nach Nuevo Orden die düsteren Seiten seiner Heimat erneut. Die einstige Top-Destination Acapulco ist heruntergekommen und Tim Roth phlegmatisiert sich im unvorteilhaft dargestellten Unort innerhalb weniger Tage vom Elite-Touristen zum Gammler am Strand. Dank einiger Geheimniskrämerei um sein Motiv und die Hintergründe ist das spannend bis zum Schluss.

Noch gibt es sie, die Klippenspringer von Acapulco. Im ersten Teil des Films belustigen sie reiche Touristen wie die Familie Bennet. Doch wie lange noch? Im zweiten Teil bekommt der Glanz von Acapulco, von dem die einst sehr beliebte Feriendestination im letzten Jahrhundert profitierte, zu Schaden. Wenn sich Charlotte Gainsbourg und ihre Familie im Infinity-Pool verlustieren, wie man sie in jeglichen Jetset-Orten auf der Welt antrifft, kann die Kehrseite des Hochglanz-Tourismus nur notdürftig vor den Pforten der Resorts gehalten werden.

Heute kann am schäbig überbevölkerten Strand auch mal ein Todeskommando auf dem Jet-Ski landen und einen Sonnenbadenden vor den Augen aller liquidieren. Streng abgeschirmt von den luxuriösen Unterkünften verkommt der Stadtkern unter der Last von Müll und Drogenkriminalität. Die Botschaft des Films: Acapulco ist nicht mehr die tolle Feriendestination, wie sie einst The Four Tops besungen haben. Der mexikanische Regisseur Michel Franco erlebte dies in «seiner Lieblingsstadt» am eigenen Leib, und macht nun ein Drama draus - mit Tim Roth in der Hauptrolle.

Warum sich Roth als Tourist so gründlich gehen lässt, erschliesst sich nur stückweise. Je weniger man über die Protagonisten von Sundown weiss, desto faszinierender ist der Film. Familienkonstellationen, Hintergründe zu den Biographien und Verhaltensmustern von Schlüsselfiguren werden bewusst im Unklaren gehalten. Ein Markenzeichen des Regisseurs, das er schon in Chronic, seinem anderen englischsprachigen Film - ebenfalls mit Tim Roth - anwandte.

Franco reiht sich damit ein beim Trendthema «unbekümmertes Relaxen ist nicht mehr». Wie in den zwei Serien The White Lotus und Nine Perfect Strangers kommt auch hier der superreiche Fremdenverkehr immer mehr ins Stocken durch interne und externe Einflüsse. Seien es Psychosen der Reisenden oder die prekäre Lage der Lokalbevölkerung in den vom Tourismus unterjochten Regionen.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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