The Sparks Brothers (2021)

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  2. 135 Minuten

Filmkritik: Edgars Musikschule

37th Sundance Film Festival
Haben den Durchblick: Russell und Ron Mael
Haben den Durchblick: Russell und Ron Mael © Jake Polonsky

Die beiden musikbegeisterten Brüder Ron und Russell Mael gründeten 1969 mit dem Gitarristen Earle Mankey die Band Halfnelson. Deren erstes Album war jedoch kein wirklicher Erfolg - auch nicht, als die Plattenfirma drei Jahre später entschied, den Bandnamen auf «Sparks» zu ändern und das gleiche Album nochmals herauszubringen. Mit diesem neuen Namen und einer neuen Besetzung wagen die US-amerikanischen Mael-Brüder in England nochmals einen Versuch und landen mit ihrem dritten Album «Kimono My House» und dem Track «This Town Ain't Big Enough for Both of Us» dort einen riesigen Erfolg.

Doch anstatt auf ein gefundenes Erfolgsrezept zu setzen, entscheiden sich die Maels dazu, verschiedene Musikarten auszuprobieren. Mit Giorgio Moroder nehmen sie Ende der Siebziger den Hit «Beat the Clock» auf und experimentieren danach munter weiter. Zwar bleiben die ganz grossen Erfolge aus, doch Sparks wird für viele Bands zur Inspirationsquelle, während die Brüder in vollen Zügen ihr Musikerleben geniessen und sich kreativ völlig austoben.

Mit The Sparks Brothers verbeugt sich der musikbegeisterte Regisseur Edgar Wright (Baby Driver) vor der einflussreichen Band Sparks, die es nie wirklich für lange Zeit in den Mainstream schaffte, womit ihre Mitglieder jedoch sehr gut leben konnten. Ein mit viel Liebe und einer guten Portion Humor gemachtes, virtuos geschnittenes Porträt mit vielen kreativen Einfällen, das der nicht minder kreativen Musikgruppe mehr als nur gerecht wird.

Neben Quentin Tarantino dürfte Edgar Wright unter den Regisseuren wohl die grösste wandelnde Jukebox sein. Filme wie Scott Pilgrim vs. the World und natürlich Baby Driver zeichnen sich auch durch umwerfende Soundtracks aus, und immer im Dezember veröffentlicht der Brite seine persönliche Top-100 (!) der besten Songs des Jahres. Da macht es natürlich Sinn, dass sich Wright für seinen ersten Dokumentarfilm ebenfalls der Musik widmet.

In stolzen 135 Minuten versucht Wright aufzuzeigen, wer diese Sparks sind. Die meisten Menschen dürfte schon den einen oder anderen Song (zum Beispiel «This Town Ain't Big Enough For Both Of Us» oder «When Do I Get To Sing My Way») von dieser Band gehört haben, jedoch fällt vermutlich vielen beim besten Willen nicht der Name der Gruppe ein. Nach dem Dokfilm The Sparks Brothers dürfte das aber sicher nicht mehr passieren.

Der vor allem auch für seine kreativen visuellen Witze und lustige Szenenübergänge bekannte Wright revolutioniert dabei nicht wirklich das Genre des Dokfilmes. Rein formell wird das Standardprogramm geboten: eine chronologische Erzählung der Bandgeschichte mit vielen bekannten Gesichtern, die ihren Senf dazugeben. Doch Wright würzt seine Verbeugung vor dem Musiker-Brüder-Duo mit humorvollen Einfällen, die von augenzwinkernden Benennungen der prominenten Fans bis hin zum Einsatz von Zeichentricksequenzen und Knetanimationen reichen. Zudem ist der Schnitt einfach grossartig.

Dass sich der Film dabei trotz einer Länge von 135 Minuten nie zu lange anfühlt, hat besonders auch mit dem Schaffen von Ron und Russell Mael zu tun, denen es in erster Linie immer nur um die Musik und nicht um Ruhm und Geld ging. Anstatt den Fans das zu geben, was sie wollten, haben die Brüder sich in ihrer fast 50 Jahre langen Bandgeschichte oft neu erfunden. So stiessen sie viele Fans eines Albums vor den Kopf, als sie die nachfolgende Platte herausbrachten.

Was die Sparks alles ausprobiert haben, ist schlicht sensationell. Die einflussreiche, aber trotzdem immer wieder übersehene Band war oft auch Wegbereiter für andere. Die Rede ist dabei nicht unbedingt nur von der Musik, sondern auch von Filmprojekten, mit denen sie zweimal (mit Jacques Tati und Tim Burton) gescheitert waren. Mit Leos Carax' Annette (mit Adam Driver und Marion Cotillard) werden sie jedoch bald beweisen, dass aller guten Dinge drei sind.

Durch die ständig wechselnden (Musik-)Stilrichtungen, Hoch und Tiefs und vor allem dank den beiden schrägen, aber trotzdem immer liebenswürdigen Brüdern ist The Sparks Brothers eine herrlich unterhaltsame, rasante Reise durch mehr als 50 Jahre Musikgeschichte, bei der man sich mehrmals dabei erwischt, dass der Fuss unkontrolliert mitwippt. Dieser Film macht gute Laune und dürfte den Sparks viele neue Fans bescheren - ein grösseres Kompliment dürfte es für den Film des musikbegeisterten Wright, der selbst vor die Kamera tritt und als «Edgar Wright, Fanboy» vorgestellt wird, nicht geben.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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