Sophie: A Murder in West Cork (2021)

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Filmkritik: Aus Mangel an Beweisen

Netflix
Schönes Haar war ihr gegeben.
Schönes Haar war ihr gegeben. © Netflix

Wir schreiben das Jahr 1996. Kurz vor Weihnachten verbringt die Französin Sophie Toscan du Plantier einige Tage in Irland, bevor sie rechtzeitig zu den Feiertagen nach Paris zurückreisen will. Am 23. Dezember sitzt sie gegen Abend im Pub von Schull. Der Barbesitzer kommt mit ihr ins Gespräch. Er spricht Französisch mit ihr, um in dieser Fremdsprache in Übung zu bleiben. Sie versucht dasselbe umgekehrt. Wenig später verabschiedet sich Sophie von ihm und verlässt das Pub.

Tatort
Tatort © Netflix

Am Morgen danach findet ein Bewohner des Ortes um 10 Uhr die Leiche von Sophie in einem Dornenbusch unweit ihres Hauses. Wie schön wäre es doch, wenn es sich bei dieser Geschichte nur um den Anfang eines Krimi-Thrillers handelte. Leider ist die Story traurige Wahrheit. Sofort beginnt die lokale Polizei, in Irland «Garda» genannt, mit den Ermittlungen. Sie sichert Spuren und befragt Zeugen. Zu der Zeit ist die Technik der DNA-Analyse jedoch noch nicht so fortgeschritten. Eine Zeugenaussage belastet einen Journalisten schwer. Die Indizien sind erdrückend, aber die Beweislage dünn.

Netflix gelingt mit dieser Doku-Miniserie ein beeindruckender Volltreffer. Zeugen, Angehörige und Ermittler erzählen viel über den Fall und so entsteht ein hochpräzises Bild über die Ausgangslage. Die Aussagen sprechen eine immer klarere Sprache. Diese Erzählweise erweist sich als genial. Es ist eine kompromisslose Doku-Mini-Serie mit richtig viel Tiefgang.

Der Mordfall ist fast 25 Jahre alt. Viele Menschen, die mit dieser Tragödie zu tun hatten, kommen zu Wort. Angehörige, Zeugen, Ermittler und Verdächtige erzählen hochpräzis von diesen traurigen Tagen, als sei es gestern gewesen.

Der Regisseur John Dower wählt dabei eine kompromisslose Erzähltechnik aus. Er selbst erzählt nichts, sondern lässt erzählen. So sammelt er Indizien und das Bild verdichtet sich immer mehr. Rückblenden von Ausschnitten der damaligen TV-Nachrichten ergänzen die Erlebnisse der Beteiligten ausgewogen und sinnvoll.

So sehen die Zuschauer ein umfassendes Bild, was ein solcher Fall mit den Beteiligten macht und dass er sogar einen massgeblichen Einfluss auf das lokale Zusammenleben der Bewohner hat. Länderübergreifende Ermittlungen werden zum Thema. Rechtshilfe und Auslieferung stehen einander gegenüber und die Serie lässt die Zuschauer entscheiden. Das ist ein äusserst realistischer Ansatz, denn es ist extrem, wie erdrückend und klar die Indizien sind, ohne dass ein entscheidender Beweis auftaucht.

Es ist nicht ganz einfach, eine Kritik über diese Doku-Mini-Serie zu schreiben, ohne zu viel preiszugeben. Der Spannungsbogen würde in sich zusammenfallen und man könnte sich nicht mehr unvoreingenommen an dieses Werk machen. Genau das ist aber eminent wichtig, denn ich bin kein Richter. Müssen die anderen Zuschauer entscheiden? Nein, denn auch sie sind keine Richter. So ist Sophie: A Murder in West Cork auch eine Achterbahn der Gefühle. Mitgefühl, Angst, Sorgen, Neugierde, Zuversicht und Frustration geben sich immer wieder die Klinke in die Hand. Dazwischen läuft es einem nicht nur einmal eiskalt den Rücken hinunter.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss. Er liebt die grosse Anzahl an tollen Filmen, aber die Fab Five stehen für ihn eine Stufe höher: Sergio Leone, Marlon Brando, Robert De Niro, Sean Connery und Quentin Tarantino.

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