Slow Return (2021)

  1. 80 Minuten

Filmkritik: Klimanostalgie on the rocks

52. Visions du Réel 2021
Eisbeine durch Gletscherwanderung?
Eisbeine durch Gletscherwanderung? © Visions du Réel 2021

Leute sitzen vor dem Café und quasseln über Vergangenheit und Zukunft und Vogelbeobachter stellen unweit den Seichtgewässern ihre Spektive auf. Der Weltuntergang scheint in der Camargue weit weg. Im südfranzösischen Mündungsgebiet der Rhone in der Nähe von Arles tötet die Verpestung der Gewässer durch Erdölraffinerien den Anrainern des Stromes den Fischbestand ab und der ansteigende Meeresspiegel droht, dereinst Landstriche zu umspülen. Die Lebensquelle Wasser könnte den Bewohner*innen bald bis zum Hals stehen.

«Look, that ice is just a hologram.»
«Look, that ice is just a hologram.» © Visions du Réel 2021

Das Gegenteilige ist auf dem Furkpass der Fall, wo die Rhone entspringt. Vor gut 60 Jahren diente hier der massive Rhonegletscher hinter dem Hotel Belvédère Sean «007» Connery noch als Filmkulisse. Heute ist der Gletscher stark geschrumpft und speist den gleichnamigen Fluss nicht mehr so stark. Wo vor 60 Jahren noch Gletschertouristen herumwuselten, stellt heute unweit der Hotelruine eine in Plastikfolie konservierte Eisgrotte den Hotspot für Touristen dar.

Die vom Filmtitel vermittelte Idee der langsamen Rückkehr bietet in dieser Dokumentation weniger Anlass zum Handeln denn zum Schwelgen in harmloser Klimanostalgie. Der Erkenntniswert ist gering, zu diffus und ungreifbar kommt das Ganze daher. Es scheint fast, als würde mit dem Fokus auf Quelle und Mündungsgebiet des betrachteten Flusses auch der innere Zusammenhang des Filmes verloren gehen.

813 Kilometer lang ist die Rhone und steckt voller Geschichten. Dieser Film beleuchtet nur Anfang- und Endpunkt des Stroms - leider. Denn die hier erzählten Geschichten sind altbekannte. Vergiftetes Wasser, steigende Meeresspiegel, Gletscherschmelze lauten die dominierenden Themen auch an diesem Wasserlauf. Dringliche Themen zwar, die diese Doku aber ohne Verbindlichkeit behandelt. Unterschwellig macht sich, auch da sich eine starke Beziehung zu den gezeigten Menschen nicht aufbauen lässt, ein beiläufiger Fatalismus breit, der mehr abstumpft als verblüfft, geschweige denn fasziniert.

Nach der Eröffnungssequenz im Mündungsgebiet der Rhone, wo man Fischer oder Pensionäre begleitet, springen wir ziemlich genau nach Filmhälfte dahin, wo die Rhone entspringt: zum Rhonegletscher oberhalb des Furkapasses. Hier wird kräftig Klimanostalgie betrieben, von der sich der Film gerne anstecken lässt. Mit der Reminiszenz an Goldfinger und die goldene Zeit des Hotel Belvédère in der Schlaufe der Passstrasse wird die Gletscherschmelze fassbar gemacht, doch das Ganze bewegt sich so langsam und zäh voran, dass es mitunter anstrengend wird, aufmerksam zu bleiben.

Eine runde Geschichte wird die Sache trotz des Kreislauf-Gedankens nicht wirklich. Um die Spannung aufrechtzuerhalten, scheint das Werk schliesslich zu wenig durchdacht oder zu dünn, sodass die kleinen Erkenntnis-Tröpfchen, die sich während dem Schauen durchaus bilden können, nicht auf dem Gletschereis kristallisieren, sondern verdampfen wie auf heissem Stein.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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