The Odd-Job Men - Sis dies corrents (2021)

The Odd-Job Men - Sis dies corrents (2021)

  1. 85 Minuten

Filmkritik: Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen

Locarno 2021
Three Amigos?
Three Amigos? © Distinto Films

Bei einem Handwerker-Betrieb in Barcelona bekommt Mohammed (Mohamed Mellali) eine Probezeit. Pep (Pep Sarrà) steht kurz vor der Pensionierung und die Jeffe Germà (Oriol Cervera) findet den Marokkaner passend fürs Team, das neben Pep hauptsächlich aus Valero (Valero Escolar) besteht. Der gmögige Büezer mit Brille hat aber von Anfang an etwas gegen den dunkelhäutigen Neuen. Schon bei der zufälligen Begrüssung vor dem ersten Arbeitstag versucht Valero Mohammed, den alle nur Moha nennen, abzuwimmeln.

Ein richtiger Abturner: Moha wird von der Arbeit abgehalten.
Ein richtiger Abturner: Moha wird von der Arbeit abgehalten. © Distinto Films

Eine Woche lang müssen sich die beiden nun aber zusammemraufen. Allerlei Arbeit bei unterschiedlichster Kundschaft steht an und Pep stellt noch einmal klar, dass er sich mit Sicherheit in den Ruhestand versetzen wird. Mohammed erduldet Valeros Drangsalieren derweil stoisch, wie er auch andere Sticheleien der Kundinnen und Kunden über sich ergehen lässt. Bis sich Moha und Valero aus Versehen auf einem Balkon selber aussperren...

Neus Ballús charmante kleine Komödie über Rassismus wirkt mit ihren Laiendarstellern wie ein guter Handwerker auf Hausbesuch. Unauffälliges, freundliches Auftreten gepaart mit maximaler Verbesserung der anfänglichen Problemstellung. Man bemerkt kaum, dass er «zu Besuch» kam, aber irgendwie fühlt sich danach alles besser an.

In ihrem dritten Spielfilm arbeitet Neus Ballús wie schon in La Plaga mit Laiendarstellern, die sich im Wesentlichen selber spielen. An sechs aufeinander folgenden Tagen (so übersetzt sich der katalanische Titel) begleitet sie Handwerker auf ihren Touren bei mehr oder weniger exzentrischer Kundschaft. So abwechslungsreich die Tätigkeiten (mal Strom, mal Sanitär, mal Air-Conditioning), so witzig sind die daraus resultierenden Begegnungen. Der fitte Senior, aufgeweckte Zwillingsmädchen und eine lüsterne Fotografin stören jede und jeder auf andere Weise den reibungslosen Betrieb - mit urkomischem Effekt.

Ballús dokumentiert den Alltag in der Agglo von Barcelona aber nicht um der Normalität willen. Sie bricht das scheinbar Idyllische auf mit alltagsrassistischen Momenten. «Mückenstiche» nennt die Autorin Alice Hasters solche Erfahrungen in ihrem Buch «Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten». Der Aggressor ist dabei Valero, der es nicht böse meint, aber mit seinem Lokalpatriotismus den Status quo konservieren möchte.

Ihm gegenüber steht das vermeintliche Opfer Moha. Ballús stärkt die «schwächere» Figur bewusst, indem sie ihm das einzige Voiceover im Film erlaubt. Auf arabisch erzählt Moha seine Sicht, mit oft voyeuristischem Blick auf die Balkone der Nachbarn. Auch die Handwerker sieht der Film als Eindringlinge in die Privatsphäre. Das sommerliche Barcelona ist prädestiniert fürs Spionieren bei offenem Fenster.

So erlebt man Alltagsrassismus am konkreten Beispiel. «Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen», sagte Max Frisch. Das merkte bald auch der alte weisse Mann in Katalonien. Valeros Überheblichkeit ist so ausgeprägt wie sein Übergewicht. Schwarze Frauen stören ihn viel weniger als Moha, die findet er nämlich «biutiful». Mit feinem Humor entlarvt Ballús die Privilegierten in einem Film über ein grosses Thema mit kleinen Leuten.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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