Silent Night (2021)

Silent Night (2021)

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  2. 92 Minuten

Filmkritik: Die stillste Weihnacht aller Zeiten

«Ich breite meine Flügel aus!»
«Ich breite meine Flügel aus!» © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Alle Jahre wieder: Mit den Festtagen kommen auch die beinahe schon obligatorischen Weihnachtsessen, die man organisieren muss. Nell (Keira Knightley) und ihr Mann Simon (Matthew Goode) haben wieder jede Menge Gäste in ihrem Haus. Verwandte, Schulfreundinnen und -freunde und diverse Bekannte setzen sich an ihren aufwändig gedeckten Weihnachtstisch im luxuriösen Einfamilienhaus. Doch einen kleinen Unterschied zu vorhergegangenen Jahren und Feiern gibt es: morgen geht die Welt unter.

Brennende Kerzen, lachende Herzen
Brennende Kerzen, lachende Herzen © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Da wir nicht auf unsere Umwelt geachtet haben, ist der gesamte Planet dem Untergang geweiht. Dies soll ausgerechnet am Weihnachtsmorgen passieren. So muss die Festgesellschaft nicht nur wie üblich Geheimnisse lüften und alte Streitereien wieder neu aufrollen, sondern sich auch noch mit dem unmittelbar bevorstehenden Ende der Menschheit beschäftigen. Vor allem für die schwangere Sophie (Lily-Rose Depp) ist der Gedanke an ein Ende immer noch unvorstellbar. Dennoch müssen sich alle auf ihre ganz eigene Art mit der Situation auseinandersetzen, und ein frohes Fest ist vorprogrammiert.

Ein Kompliment hat dieser krude Mix aus Drama, Komödie und Endzeitszenario bestimmt verdient: Er ist «anders» und deshalb zumindest originell. Was genau aber Sinn und Zweck dieser 90 Minuten sein sollen, ist schwer zu greifen und deshalb dürfte es bei diesem einsamen Kompliment bleiben. Sowohl die umweltpolitischen Seitenhiebe als auch die Kritik an der Oberflächlichkeit vieler Weihnachtsfeiern sind zu wenig explizit und der Humor nicht beissend genug. In die Gesellschaft kultiger Anti-Weihnachtsklassiker dürfte sich Silent Night also nicht einreihen.

Nach ihrer Arbeit an einigen Kurzfilmen bringt Regie-Debütantin Camille Griffin Silent Night auf die grossen VoD-Plattformen. Um sich herum hat sie einen spannenden, talentierten Cast versammelt, der letztendlich aber wenig Spielraum hat, die unausgegorene Story noch ein wenig aufzuwerten. Vor knapp einem Jahrzehnt hat die Komödie It's a Disaster eine ähnliche Ausgangslage mit viel Situationskomik und verschrobenen Figuren geschmückt und um einiges unterhaltsamer erzählt. Das mit den leicht überzeichneten und unsympathischen Figuren wird hier zwar auch versucht, doch mit einer eher kurzen Spielzeit bleibt kein Raum, die Dynamik zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern und Bekannten genug zu definieren.

Da sich die gesamte Handlung in einem einzigen Haus abspielt, sticht vor allem das schöne Produktionsdesign und die tolle Lichtgestaltung ins Auge, welche dem Interieur je nach Szene immer wieder verschiedene Stimmungen verleiht. Der Blockbuster-Komponist Lorne Balfe schlägt ungewohnt leide Töne an, fällt aber besonders durch den catchy Michael-Bublé-Song «The Christmas Sweater» auf, welchen er mitkomponiert hat und der wohl oder übel länger hängenbleibt als der Inhalt des Filmes.

Die schleichende Gefahr der Umweltkatastrophe ist zwar bereits in der ersten Hälfte immer präsent, rückt aber erst später in den Vordergrund, wodurch sich Silent Night urplötzlich zum bleischweren Drama wendet und der Humor nur noch unterschwellig stattfindet. Hier wirft der Film moralische Fragen auf, die er nicht beantworten möchte und steuert einem Ende entgegen, welches schon weit vor der Ausfahrt sichtbar ist. So ist dann auch die letzte Sekunde des Filmes mehr ein «Augenverdrehmoment» als ein überraschender Schock.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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