A Sexplanation (2021)

A Sexplanation (2021)

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  2. 76 Minuten

Filmkritik: «President Obama is a masturbator!»

17. Zurich Film Festival 2021
«This is more complicated than rocket science.»
«This is more complicated than rocket science.» © Zurich Film Festival

Alex Liu beisst in einen Schokoladenpenis. Er, ein schwuler asiatischer Mann, aufgewachsen in den USA unter dem Gebot der Enthaltsamkeit, ist es leid, dass es die Gesellschaft nicht schafft, offen über Sex zu sprechen. Deswegen macht er es einfach mal auf seine Weise und fügt an: «I love dicks.» Um mehr Lockerheit in diese urnatürliche Angelegenheit zu bringen, setzt er sich mit seinen Eltern und seiner Grossmutter an den Stubentisch und möchte mit ihnen über das sprechen, worüber sie noch nie gesprochen haben. Anspannung macht sich in ihm breit.

Etwas gelöster sitzt Alex Psychologen und Sexualtherapeuten gegenüber. Mit ihnen fällt es ihm viel leichter, sich über Porno, Masturbation und Sexualität auszutauschen. Aufklärung habe er in der Schule zwar gehabt, aber die unterschiedlichen Ausdrucksformen von Sexualität, das war nie Thema. Um nun seine Selbstbefriedigungs-Scham und sein Unwohlsein in punkto Sex-Gespräche zu überwinden, wird ihm geraten, sich mit möglichst vielen darüber zu unterhalten. Das will er tun - und zwar nicht nur mit Leuten, die seinem Ansinnen vorbehaltlos begegnen.

Mit einer gehörigen Portion guter Laune springt Alex Liu hier im Salto über seine sexuelle Verklemmtheit und will damit auch gleich den Schamgraben zwischen den Generationen überbrücken. Als charismatischer Botschafter der Sexualität macht er sich gut, allerdings bleibt seine Dokumentation auch ein wenig zu unbeschwert an der Vision kleben.

Auf seiner sehr persönlichen Reise leuchtet Alex Liu vor allem die Vision seines sexuell befreiten Lebens aus und tut sich als Botschafter und Vermittler für diese Sache hervor. Das macht er überzeugend und er spendet auch Mut, einfach zu sagen: «Ja, ich schaue mir gerne einen Porno an!» Dabei hat er ansteckend viel Spass, sodass Jugendliche und Erwachsene sich hier gleichermassen gut aufgehoben fühlen dürften.

Wer denkt, es gehe ans Eingemachte, wird grösstenteils enttäuscht. Zweifelsohne richtig und wichtig wird von vielen Seiten Offenheit gegenüber sich und allen anderen Menschen gepredigt und mit PornHub-Statistiken vorgeführt, dass wir alle - vom einfachen Teenager bis hin zu President Obama - gerne selbst Hand an uns anlegen.

Doch wenn man die schönste Hauptsache der Welt versucht in Worte zu fassen, wirkt die Chose wohl zwangsläufig etwas verstaubt und klinisch. Diese Unsexiness kontrastiert Liu mit gloriosen Illustrationseinschüben und der locker flockigen Erzählweise, mit der er das Obszöne auf elegante Weise umschifft. Am Horizont zeichnet sich die Erkenntnis ab, dass Sexualität im Meer des Unwissens über die wissenschaftlichen Hintergründe des Sex ein Schatz ist, den es mit Samthandschuhen anzufassen gilt.

Nicht zuletzt deswegen frönt Liu der Harmonie; allfällige Hindernisse bei der Umsetzung seiner Vision werden kaum angesprochen. Er findet Konsens mit seinen Eltern, schliesst einen Teilfrieden mit den konservativen Ansichten der Republikaner und fühlt sich im Weltbild eines katholischen Geistlichen ganz gut aufgehoben.

Nolens volens schliesst letzterer sogar in seinen Ausführungen die Schöpfungslehre mit der Evolutionstheorie kurz. Wohlwissend, dass er sich in die Höhle der Löwen begibt, vermeidet Alex allzu viel Provokation, denn das P-Wort steht in diesem Film nur für eines: Pleasure.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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