Sein - gesund, bewusst, lebendig (2021)

Sein - gesund, bewusst, lebendig (2021)

  1. 100 Minuten

Filmkritik: Weniger gibt mehr

Chrüüterchraft oder Chrüütercraft?
Chrüüterchraft oder Chrüütercraft? © Frenetic Films

Irgendwann ging es einfach nicht mehr. Der Körper schlug Alarm, bremste sie aus mit schmerzhaften, von der Schulmedizin teils als tödlich diagnostizierten Krankheiten. Ob nun metastasierender Krebs, Arthritis oder Frontalcrash mit 120 km/h, mit dem Ende ihres (bisherigen) Lebens vor Augen sahen sich Ranja, Stephan, Mona, Dominique und Chris gezwungen, an die Grundsätze ihres Daseins vorzustossen. Mit «tiefer Seelenarbeit» entdeckten sie allmählich, dass «Ich» und «mein Körper» nicht voneinander getrennt sind, sondern eine Einheit.

Auch mit einem Brett vor dem Kopf lässt sich klar sehen.
Auch mit einem Brett vor dem Kopf lässt sich klar sehen. © Frenetic Films

So lasen sie ihre Gebrechen als Metaphern, quasi als intuitive Reaktion ihres Organismus auf bestimmte Einflüsse. Mit dieser Erkenntnis vor Augen richteten Sie zunehmend ihre Aufmerksamkeit nach innen und fanden ihren eigenen Umgang damit und somit auch ihre eigenen Lösungswege. Ob diese nun vegane Ernährung, Yoga oder Sport lauten, vereint sie alle, dass sie sich auf die Quelle verlassen, aus der wohl die grösste Heilungskraft sprudelt: sie selbst.

Bewusst etwas langatmig wird hier über das gesunde Sein philosophiert und Zeit für eigene Reflexionsprozesse gelassen. Grosse Aha-Effekte bleiben in diesem ruhigen und sanft vorgetragenen Film dementsprechend aus, dafür werden nachdrücklich die Grundlagen und Perspektiven eines bewusst geführten Lebens repetiert. Das ist in unserer Zeit des Überangebots, der Überreizungen und des Überflusses durchaus nötig.

Man kennt sie ja, die Geschichten beispielsweise von Spontanheilungen, bei denen totgesagte Menschen aus eigener Kraft mitunter ihren Krebs besiegen. Anstatt diese Genesungen aber glücklichen Zufällen zuzuschreiben, spürt diese Dokumentation dem geistigen Wandel der Protagonisten auf den Grund, der die eklatante körperliche Verbesserung - beispielsweise weg vom «erfolgreichen Informatiker mit keinem guten Lebensgefühl» hin zum sich im Wesentlichen von Wildkräutern ernährenden, im Jetzt lebenden gesundenen Glückskind - bewirkt hat.

Oder besser gesagt: bewirkt haben soll. Denn obwohl die integrative Medizin deren Wirksamkeit bis zu einem gewissen Grad nachweisen kann, wird hier die Tragweite der psychsomatischen Vorgänge nicht objektiviert. An naturwissenschaftlichen Erklärungen hält sich der Film nicht lange auf, die raren Statements herbeigezogener Fachleute - beispielsweise für integrative Medizin - bringen die Wirksamkeit solcher Methoden nicht aus der wissenschaftlichen Grauzone heraus. Aber diese Porträts der fünf (Über-)Lebenskünstler*innen sollen auch gar nicht Wissenschaft diskutieren, sondern vielmehr inspirieren, motivieren und zuversichtlich stimmen.

Das gelingt Regisseur Bernhard Koch (der sich bereits mit Stopping - Wie man die Welt anhält dem Thema Yoga und Meditation angenommen hat) mittels seiner Protagonisten, die vor Freude und Dankbarkeit nur so strotzen, gut. Ja, bei ihren bewegenden Erzählungen, die alle einem verborgenen, aber klaren dramaturgischen Faden folgen, bekommen sogar abgedroschene Phrasen tiefere Bedeutung. Allerdings überblenden die subjektiven Erfolgsgeschichten auch die Schicksale, die an diesem geistigen Umpolen gescheitert sind.

Aus der Wohlfühlstimmung heraus, die dieser sich zunehmend zum Imagefilm für die achtsame Lebenskunst entwickelnde Streifen evoziert, werden vereinzelt Pfeile abgeschossen etwa auf das gesellschaftliche Ideal des Gestresstseins oder die Lebensmittelkonzerne. Doch auch hier vermisst man eine profunde Diskussion. Dies ist besonders schade, denn dass der Film berechtigte Kritik übt, lässt sich erahnen, aber indem er kaum Argumente liefert, verkommt sie zum faden Beigemüse. Wie es aussieht, muss man die Wahrheit auch hier selbst suchen - womöglich sogar in der Meditation.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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