Searchers (2021)

Searchers (2021)

  1. 81 Minuten

Filmkritik: Kinder, geht auf Tinder!

Visions du Réel
Wer chattet so spät durch Nacht und Wind?
Wer chattet so spät durch Nacht und Wind? © Visions du Réel 2021

Single zu sein ist nicht einfach in New York 2020. Statt Party machen heisst es Isolation, Corona sei Dank. Wenigstens bleibt all den liebes- und sexhungrigen Menschen der virtuelle Weg, mit anderen anzubandeln. Tinder, OkCupid oder Match.com heissen die Apps, die Träume von der grossen Liebe oder wenigstens von aufregenden erotischen Abenteuern wahr machen sollen.

Jung, wild, sexy, sucht ...
Jung, wild, sexy, sucht ... © Visions du Réel 2021

Doch worauf achten die Nutzerinnen und Nutzer dieser Apps eigentlich, wenn sie sich durch die angezeigten Matching-Profile klicken? Warum entscheiden sie sich dafür, mit jemandem in Kontakt zu treten? Regisseur Pacho Velez, selbst Single, will es genauer wissen und macht den Selbstversuch. Doch damit nicht genug, er holt auch noch New Yorker*innen zwischen 20 und 90 Jahren vor die Kamera - die einen hetero, die einen homo und die einen trans - eine bunte Mischung, nur eines haben sie gemein: Sie sind auf der Suche nach Zweisamkeit.

«Wenn doch alles so einfach wäre, wie es die Werbung suggeriert! Doch leider sieht's in der Realität etwas komplizierter aus», könnte ein mögliches Fazit von Pacho Velez' Dokumentation über das Online-Balzverhalten von New Yorker*innen lauten. Searchers operiert ausschliesslich mit «Talking Heads», worunter er den einen oder anderen Glücksgriff getätigt hat. Leider ist sein Film durch die Monolog-Lastigkeit aber auch sehr repetitiv und vermittelt unter dem Strich nicht viel Neues ausser der Erkenntnis: Alleinsein sucks.

Viele Menschen kommen zu Wort im Film von Pacho Velez. Doch der heimliche Star von ihnen ist eindeutig die 88-jährige Helene, ein Wirbelwind von einer Frau, die mit einer Mischung zwischen mädchenhafter Verschmitztheit und damenhafter Würde von ihren Dating-Erfahrungen erzählt. Merke: Es ist nie zu spät, den richtigen «Match» zu finden.

Leider sind nicht alle, die Pacho Velez vor seine Kamera geholt hat, gleichermassen interessant. Kommt hinzu, dass der Regisseur bei der Auswahl zwar sehr auf Diversity geachtet hat und sowohl hetero-, homo- als auch transsexuelle Menschen befragt hat, doch letztendlich sind sie alle New Yorkerinnen und New Yorker. Das liegt wohl in der Natur der Sache, und wegen Corona dürfte seine Bewegungsfreiheit während des Filmens ein wenig eingeschränkt gewesen sein. Dennoch: Es wäre spannend gewesen, die Aussagen der hippen New Yorker Menschen denjenigen eines Farmers aus Oklahoma oder einer Verkäuferin aus Indiana gegenüberzustellen. Vermutlich sind da grössere Unterschiede auszumachen als zwischen der Heterosexuellen und dem Homosexuellen aus Big Apple.

Die Interviews hat Velez so arrangiert, dass die Interviewpartnerinnen und Interviewpartner durch einen transparenten Screen von der Kamera getrennt sind. Aus Publikumssicht sind also immer Fetzen der Dating-Profile zu sehen, man schaut sozusagen durch sie hindurch auf die porträtierten Personen. Searchers verschmelzt so die virtuelle Welt mit der realen, was nur folgerichtig ist, da diese beiden Welten tatsächlich immer weniger voneinander zu trennen sind.

Was der Film hingegen nicht zeigt, sind die realen Begegnungen - es bleiben immer nur die isolierten Menschen vor dem Screen. Velez beschränkt sich so auf die ersten beiden Schritte des Online-Dating: das Erstellen des eigenen Profiles und das Begutachten der potenziellen Matches. So bleibt immer eine gewisse Distanz, die virtuellen Menschen scheinen nicht wirklich real zu sein.

Erst gegen Schluss fragt der Regisseur seine porträtierten Interviewpartnerinnen und -partner, was denn nun ihr bestes Erlebnis gewesen sei im Online-Dating. So werden gegen Ende die Erfahrungen der porträtierten Personen doch noch ein wenig greifbar. Ansonsten bleibt der Film aber über weite Strecken etwas monoton. Aber das geht wohl nicht anders, denn wie ein Protagonist es undiplomatisch ausdrückt: Die Online-Partnersuche ist eben ein «pain in the ass».

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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