Schachnovelle (2021)

Schachnovelle (2021)

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  2. 110 Minuten

Filmkritik: I bi dr Schacher Seppeli

Vom Walzer auf dem Tanzparkett ...
Vom Walzer auf dem Tanzparkett ... © Studiocanal/ Walker Worm Film /Julia Terjung

Als Dr. Josef Bartok (Oliver Masucci) in Rotterdam zusammen mit seiner Frau Anna (Birgit Minichmayr) die Fähre nach Amerika besteigt, ist er nicht wiederzuerkennen. Sein Blick ist glasig, er zittert und spricht kaum. Nichts erinnert mehr an den bourgeoisen Herrn von früher. Noch vor gut einem Jahr war er ein vermögender Notar, verkehrte mit Wiens angesehensten Leuten und warf beim Frühstück im Bett mit Weisheiten von Goethe um sich. Während er an den Abenden mit seiner Frau Wiener Walzer tanzte, taumelte Europa dem Abgrund entgegen.

... zur Schachpartie auf dem Badezimmerbrett.
... zur Schachpartie auf dem Badezimmerbrett. © Studiocanal/ Walker Worm Film /Julia Terjung

Er, der bisher die Gefahr aus Deutschland sträflich unterschätzt hatte, wollte im letzten Moment fliehen. Doch dann schlugen die Nazis zu und machten ihm, angeführt von Gestapo-Mann Franz-Josef Böhm (Albrecht Schuch), das Leben zur Hölle. Nun, in seiner Kajüte, wo er das Schiff ächzen und den Ozean rumoren hört, kommen die Erinnerungen hoch. Eines Tages, als er an der Bar Zuflucht vor dem Grauen in seinem Kopf sucht, bekommt er mit, dass an Bord Schach gespielt wird - mit von der Partie: der amtierende Schachweltmeister. Bartok mischt sich ein und sieht sich bald seinen schlimmsten Erinnerungen ausgesetzt.

Stefan Zweigs (1881-1942) literarischer Welterfolg wird hier nicht Zug um Zug nachgespielt. Bezug auf das gleichnamige Werk wird jedoch eindeutig genommen, wenn auch die Vorlage für diese eigenwillige Verison gründlich umgekrempelt und die Gewichtung der Protagonisten zugunsten eines intensiven Filmerlebnisses verschoben wurde. Dieses trägt zwar sehr dick auf, funktioniert aber weitgehend - nicht zuletzt dank dem virtuos aufspielenden Oliver Masucci.

Nicht etwa wie der Dichter der Novelle um 1940 mit feingliedriger Sprache, sondern intensiv und wuchtig erzählt Regisseur Philipp Stölzl (Ich war noch niemals in New York, Der Medicus) die Geschichte eines durch Folter in den Wahnsinn getriebenen Menschen.

Der Stoff wurde von Drehbuchautor Eldar Grigorian mit mutigen Eingriffen umgestaltet. Diesen fiel beispielsweise das Novellistische der «Schachnovelle» zum Opfer, auch wurden neue Nebencharaktere eingeführt, die zwar mit Leuten wie Albrecht Schuch (Berlin Alexanderplatz, Systemsprenger) oder Birgit Minichmayr (Wanda, mein Wunder, Der Knochenmann) fein besetzt wurden, jedoch etwas gar stark zurückgenommen wirken; oder gar - wie zum Beispiel Schach-Weltmeister Czentovic - äusserst leer daherkommen.

Bartok ist hier nicht mehr wie bei Zweig eine aus dem Nichts in das leichte Amusement der dem Weltkrieg entkommenen wohlhabenden Bürger hereinbrechende namenlose Nebenfigur, die wie eine Mahnung an eine andere Welt nolens volens zum Zentrum des Geschehens wird, sondern die Erzählung tragende, zutiefst traumatisierte Person - und somit auch ein Stück weit entmystifiziert. Leider will das Ganze nicht vollends aufgehen, auch weil der Schluss - immerhin eine Reverenz an Joker - missrät.

Überhaupt reicht an die Vielschichtigkeit von Joaquin Phoenix' Joker/Arthur Fleck Stölzls Josef Bartok nicht heran, allzu fest steht der Wahn des von Flashbacks gejagtem Notar im Fokus, der nicht nur die Erzählung, sondern auch die Bild- und Tonsprache vom ersten Moment an durchdringt. Mit Oliver Masucci (Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, Er ist wieder da) wurde die Rolle jedoch treffsicher besetzt. Er schafft es, auch in dieser Welt von Schwarz und Weiss die Zwischentöne zu bedienen und bietet seiner Figur auch dann noch Entwicklungsmöglichkeiten, wenn es ihr die Dramaturgie gar nicht mehr erlaubte - und das ist leider schon ziemlich früh der Fall.

Der Wahnsinn, das Trauma und die Manie sind von der ersten Minute an omnipräsent. Das ist ergreifend zwar und geht unter die Haut - auch die Ästhetik des «das Ego des Gegners zerschmetternden» Schachspiels ist beeindruckend in Szene gesetzt -, doch mit dem psychischen Hochdruck, unter den sich der Film mit der ersten Sekunde setzt, nimmt er sich auch den Spielraum, um die Schraube immer stärker anzuziehen. Notgedrungen treibt sich der Thriller in der Darstellung von Folter, Gewalt und des Drohens schliesslich selbst in die Sackgasse des Plakativen.

Damit grenzt er sich ebenso stark von Zweigs Klassiker ab wie mit seiner erzählerischen Überdeutlichkeit und der demonstrativen Auslegung gewisser Konstellationen oder Begebenheiten des Unsagbaren. Damit opfert er im cineastischen Schachspiel mehr als nur einen Bauern. Denn das Unsagbare - da hätte sich vielleicht mehr Orientierung an Zweigs Erzählung gelohnt - auch unsagbar respektive unzeigbar zu lassen, kann mitunter grausamer sein, als es in Worte oder Bilder zu fassen.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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