The Scent of Fear (2021)

The Scent of Fear (2021)

  1. 93 Minuten

Filmkritik: Riddikulus!

56. Solothurner Filmtage 2021
Ein gewisser Sargkasmus ist dieser Therapiemethode nicht abzustreiten.
Ein gewisser Sargkasmus ist dieser Therapiemethode nicht abzustreiten. © Praesens Film

Für 35'000 US-Dollar gibt es irgendwo im Mittleren Westen der USA ausgediente bombensichere Militärbunker zu ersteigern. Denn was, wenn einmal ein Atomkrieg losgeht oder eine Wirtschaftskrise einen Bürgerkrieg anzettelt? Sich ein solches Reduit anzuschaffen, scheint für immer mehr US-Amerikaner in Frage zu kommen; man weiss ja nie. Solche Ängste auch nur im Entferntesten anzudeuten, wäre in Südkorea nicht möglich. Der Leistungsdruck verzeiht keine menschlichen Gefühle, Selbstmord ist für viele die einzige Flucht. Aber es gibt ja noch die Happy-Dying-Seminare, wo einem frischen Lebensmut eingeflösst wird.

Bunker Sweet Bunker
Bunker Sweet Bunker © Praesens Film

Allerdings ist man mit seinen Ängsten vielerorts allein. Besonders dann, wenn sie sich auf einen Eisbären richten und man sich gerade alleine durch die Arktis kämpft, wie es die erfahrene Abenteurerin Evelyn Binsack eben gerne mal so tut. Egal, ob South Dakota, Seoul oder Spitzbergen: Überall werden die Ängste der Menschen durch ihr Gehirn hervorgerufen. Wie entstehen sie und warum? Und wie können wir mit persönlich und öffentlich geschürten Ängsten umgehen? Dieser Film sucht nach Antworten.

Mirjam von Arx präsentiert mit dieser Dokumentation ein Sammelsurium an Impressionen erlebter Angst, die als solche allerdings kaum spürbar wird. Den dargestellten greifenden Mechanismus der Angst, der - das macht der Film überdeutlich klar - tief in unseren Genen verankert ist und heutzutage von Politik und Wirtschaft ausgebeutet wird, unterfüttert sie mit Erläuterungen von Forscherinnen und Forscher. Und die sind grossartig.

«Riddikulus!», ruft Zaubermeister Remus Lupin, um dem Irrwicht seinen Schrecken zu nehmen. Dieser wechselt je nach Rezipient seine Gestalt und nun prangt vor dem Magier ein Vollmond - für ihn, denn er ist Werwolf, die Erscheinung, wovor er die grösste Angst hat. Dank seines Zauberspruchs aber surrt der einstige Vollmond nun als Ballon durch das Klassenzimmer. Das Gelächter ist gross, die Angst weit entfernt. Eine vortreffliche Metapher, die J. K. Rowling hier für die Angstbewältigung vorlegt.

The Scent of Fear bewegt sich zwar weit weg von Magie und Zaubersprüchen, doch klopft diese Dokumentation die unterschiedlichen Äusserungsformen der Angst bei Betroffenen direkt ab. South Dakota, Südkorea, Spitzbergen: Hier wird nicht nur zwischen den verschiedenen Angstschauplätzen munter hin und her gesprungen, sondern die Impressionen werden auch noch mit wissenschaftlichen Erklärungen und Erläuterungen versetzt. Aus dem Ganzen resultiert schliesslich ein Patchwork, das erstaunlich rund wirkt - auch wenn die porträtierte Angst selten fassbar wird und einige Bildabfolgen in ihrer Suggestionskraft (vermutlich) überstrapaziert wurden.

Bei aller Vielfalt der Empfindungen bleiben die Erläuterungen der Mechanismen, die hinter Angsterscheinungen stecken, aufs Wesentliche beschränkt. Das gelingt Regisseurin Mirjam von Arx (Seed Warriors, Freifall - Eine Liebesgeschichte), indem sie nicht nur die richtigen Fragen gestellt, sondern auch eine Schar Wissenschaftler zugetrommelt hat, die so fluffig und leicht verständlich das für den heutigen Menschen Wesentliche darlegen können, dass man sowohl klüger wird als auch sein eigenes Verhalten in einem neuen Licht sieht.

Besonders erwähnenswert sind die Auftritte des stets nüchternen Soziologen Ortwinn Renn, der mit hypnotischer Eindringlichkeit die Macht der Sprache über unser Denken erläuternden Linguistin Elisabeth Wehling und des medienerprobten Gedankenvirtuosen Lutz Jäncke, der psychologische Grundpfeiler mit einer Leichtigkeit aus dem Ärmel zu schütteln scheint wie Jean-Baptiste Grenouille ein sagenhaftes Parfum.

Apropos Parfum: Am Ende stört es dann auch nicht mehr, dass sich der angeteaste «Geruch» der Angst als Metapher entpuppt. Denn - apropos Metapher - wer will, kann hier gut und gerne neue Energie schöpfen, um bald selbst erfolgreich den «Riddikulus» anwenden zu können. Ganz ohne Zauberkraft.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Deutsch, 01:38