Salvataggio (2021)

  1. 75 Minuten

Filmkritik: Me before You

56. Solothurner Filmtage 2021
Floriane verfolgt am Strand von Paros einen Bekannten
Floriane verfolgt am Strand von Paros einen Bekannten © Solothurner Filmtage

Was Floriane Closuit anfänglich für eine Knöchel-Verstauchung hält, wird bald zur schrecklichen Gewissheit. Die schockierende Diagnose: Floriane hat Multiple Sklerose. Eine der wohl schlimmsten Krankheiten, die es gibt. Sie nimmt die Kamera und hält den Verlauf ihrer Krankheit fest, ungeachtet ihrer Verfassung, sowohl der körperlichen als auch der geistigen. Auch einfache Tätigkeiten wie Kochen fallen ihr immer schwerer. Der völlige Verlust ihrer Selbständigkeit zeigt sich beispielsweise beim Duschen und dem Anziehen. Auch für ihren Mann Massimo und ihre Tochter Elisa ist dies keine einfache Zeit.

Blick zur Aussenwelt
Blick zur Aussenwelt © Solothurner Filmtage

Immer wieder fährt Floriane zur griechischen Insel Paros. Denn Sonne und Meer beruhigen sie. Sie fühlt sich auf Paros auch weniger wie ein Mensch mit Behinderung, als dies in der Schweiz der Fall ist. Hierzulande fühlt sich Floriane auf eine gewisse Art und Weise überbetreut.

Bei der Dokumentation Salvataggio führte die von der Krankheit betroffene Floriane Closuit gleich selber Regie. Es ist ein zu Beginn berührendes Selbstporträt. Doch je länger der Film dauert, desto weniger ist der Film vor lauter Selbstmitleid der Protagonistin leider zu ertragen.

Vielleicht wäre es für Salvataggio die bessere Entscheidung gewesen, wenn jemand anders als Floriane Closuit Regie geführt hätte beim Film über ihre Leidensgeschichte mit Multipler Sklerose. Vielleicht sogar eine fremde Person, die möglicherweise eine gewisse Distanz hätte herstellen können.

Zu Beginn leidet man noch mit Floriane mit. Die Bilder zeigen eindrücklich, dass man vielleicht ein wenig dankbarer sein sollte, wenn man gesund ist; wenn man einfachere Tätigkeiten wie Kochen selber ausführen kann; wenn man sich selber anziehen und duschen kann und so auch in der Lage ist, einen gewissen Rest von Würde zu bewahren.

Doch mehr und mehr macht der Film ein wenig wütend. Wütend auf die Protagonistin. Wütend auch auf die Regisseurin, die die Protagonistin nicht stoppen kann, da beides dieselbe Person ist. Sie wirkt ausserordentlich sich selbst bemitleidend. Vielleicht fiel auch eine grössere Anzahl an schönen, oder wenigstens anderen Szenen dem Schnitt zum Opfer. Möglicherweise gibt es mit dieser Krankheit keine schönen Tage. Doch definitiv werden die Gefühle ihres Mannes Massimo und ihrer Tochter Elisa sowohl vom Film als auch von der Protagonistin zur Seite gedrückt.

Der Film respektive die Protagonistin wirkt deshalb wenig selbstreflektiert. Und dennoch erschüttern Aussagen wie diejenige, dass der Prozess der Unselbständigkeit nun vorbei sei und der Prozess des Todes bleibe. Doch von diesen Momenten gibt es in den ganzen 75 Minuten leider nur sehr wenige.

Christoph Reiser [chr]

Christoph arbeitet seit 2020 als Freelancer für OutNow. Er weiss, dass man Animationsfilme nicht hassen darf, dafür liebt er Sergio-Leone-Western. Der Besuch eines Filmfestivals ist zuoberst auf seiner Bucket-List, naja fast. Und er mag kein Popcorn im Kino, denn er steht auf Chips.

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