Sabaya (2021)

Sabaya (2021)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: The Good, the Bad and the Ugly in Syria

17. Zurich Film Festival 2021
Die Sabayas kehren oftmals völlig traumatisiert zurück.
Die Sabayas kehren oftmals völlig traumatisiert zurück. © Lolav Media/Ginestra Film

Im Jahre 2014 wurde die irakische Stadt Sinjar von der Organisation IS attackiert. Dabei wurden tausende Yazidi-Frauen und -Mädchen gefangen genommen und ausgenutzt. Die meisten von ihnen befinden sich in Al-Hol, einem syrischen Flüchtlingslager, wo sie ihr Dasein als sogenannte «Sabayas» fristen - im Wesentlichen handelt es sich dabei um Sexsklavinnen.

Ein Mitglied des Yazidi Home Centre
Ein Mitglied des Yazidi Home Centre © Lolav Media/Ginestra Film

Die Mitglieder der Nichtregierungsorganisation Yazidi Home Centre riskieren nun ihr Leben, indem sie sich in das Flüchtlingslager schleichen, die Frauen und Mädchen aus Zelten herausholen und diese zu ihren Familien und Angehörigen zurückbringen. Die ehemaligen Sabayas sind dabei meistens stark von den schrecklichen Ereignissen traumatisiert. Regisseur Hirori begleitet das Yazidi Home Centre bei seinen nächtlichen Rettungsaktionen und dokumentiert auch die Rückkehr der ehemaligen Sklavinnen in die Normalität.

Sabaya ist eine packende Dokumentation, welche sowohl äussert berührend, aber auch schockierend ist. Die 90 Minuten Laufzeit des Filmes scheinen im Nu vorbei zu sein. Ein bisschen mehr an Zusatzinformation zu den politischen Ereignissen und Umständen in Syrien wären sicherlich nicht schlecht gewesen, jedoch macht Regisseur Hirori dies durch eine spannende Inszenierung wett, die einem Nahostthriller Konkurrenz macht.

Jemanden als gut oder böse zu bezeichnen wird häufig als allzu simpel bezeichnet und mit fehlendem Verständnis begegnet. Wenn man sich jedoch die Ereignisse und Gegebenheiten zu Gemüte führt, welche in Sabaya dargestellt werden, kommt man nicht umhin, sich auf das Gut-Böse-Raster zu stürzen. Die fast schon diabolisch anmutende Art und Weise, wie Mädchen und Frauen als Sexsklavinnen gehalten werden, steht dabei im Kontrast zu den heroischen Rettungstaten des Yazidi Home Centre.

Regisseur Hirari ist dabei jedoch ebenso grosses Lob auszusprechen. Dieser hat sich nämlich mit seinen Aufnahmen selbst in grösste Lebensgefahr begeben, um ein grosses Publikum ebenfalls gewahr werden zu lassen, welche schrecklichen Umstände noch immer in Syrien herrschen. Ab dem ersten Moment des Filmes wird man von den Aufnahmen in Syrien gepackt und fiebert mit den Befreiern mit, den eigenen Kinosessel dabei vor Nervosität drangsalierend.

Bei einer Dokumentation wäre es jedoch sicherlich auch nicht schlecht gewesen, noch weiteres an Hintergrundinformationen über das Verhältnis der Yazidi und des IS zu erfahren und über die weiteren Entwicklungen in Syrien. Hirori beschränkt sich aber hauptsächlich auf die Rettungsaktionen und verzichtet weitgehend auf Interviews oder auf eine Erzählstimme aus dem Off. Dies muss nicht schlecht sein, da so auch der Fokus auf die Rettungsaktionen selbst und die Emotionalität bei Erfolgsmissionen gesetzt wird.

Sabaya ist eine wichtige Dokumentation, welche sowohl die Schatten-, aber auch Lichtseiten menschlichen Handelns zeigen. Man ist zutiefst beeindruckt von der selbstlosen Aufopferung des Yazidi Home Centre, jedoch auch erschüttert von der zutiefst grausamen Behandlung des IS an Mitmenschen. Hirori macht aber mit seinem Film vor allem diejenigen zu Protagonisten und Vorbildern, welche mit ihrer Selbstaufopferung Familien wieder vereinigen und psychischem Terror ein Ende bereiten.

Olivier Nüesch [oli]

Olivier schreibt seit 2012 für OutNow. Begonnen hat seine Filmleidenschaft schon sehr früh mit dem CGI-freien «Dschungelbuch». Mit der Gemütlichkeit probiert er es als Popkulturfreak nun jedoch auch mithilfe von Serien, Games, Büchern und Comics.

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