Rehana Maryam Noor (2021)

Rehana Maryam Noor (2021)

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  2. 107 Minuten

Filmkritik: Eine Frau gegen Bangladesch

74e Festival de Cannes 2021
Alle durchgefallen
Alle durchgefallen © Potocol and Metro Video

Die junge Witwe Rehana (Azmeri Haque Badhon) unterrichtet am Universitätsspital und erwischt eine ihrer Schülerinnen beim Mogeln, als dieser ein Lineal mit Notizen herunterfällt. Folglich schickt sie die Schülerin aus der Prüfung und wird kurze Zeit später Zeugin eines Zwischenfalls: Aus dem Büro ihres Vorgesetzten Dr. Arefin (Kazi Sami Hassan) kommt eine weitere Schülerin Rehanas, Annie (Afia Tabassum Borno), weinend herausgerannt. Diese will erst keine Auskunft geben, was im Büro geschehen ist. Rehana nähert sich ihr jedoch langsam emotional an und erfährt, dass ein sexueller Übergriff seitens Dr. Arefin stattgefunden haben soll.

Chef, ich habe alles gesehen!
Chef, ich habe alles gesehen! © Potocol and Metro Video

Schockiert vom Verhalten ihres Vorgesetzten entscheidet sich Rehana, für Gerechtigkeit einzustehen und zu kämpfen. Dabei stösst sie jedoch auf mehr Gegenwind, als ihr lieb ist. Auch privat erschwert sich ihr Leben, da ihre Tochter Emu (Afia Jahin Jaima) in der Schule ebenfalls Ungerechtigkeit erfährt, sodass Rehana nun an zwei Fronten gleichzeitig für Gerechtigkeit kämpfen muss.

Wie reagieren, wenn man Zeugin eines sexuellen Übergriffes wird? Schweigen, oder den Mund aufmachen? Eine Frage, welche die Protagonistin in diesem Film mit Sicherheit richtig beantwortet hätte, wäre ihr Gegenspieler nicht ein Staat, der solche und weitere Verbrechen toleriert und zu verheimlichen versucht. Rehana Maryam Noor will sich auflehnen gegen diesen Staat, tut dies jedoch recht leise und zurückhaltend, erwacht erst zum Ende hin aus der Lethargie, um dann überladen zu werden. Darunter wie auch unter dem Fehlen an Farbigkeit leidet der Film und wird zur Geduldsprobe.

In seinem Zweitling beschäftigt sich Abdullah Mohammad Saad (Live from Dhaka) mit der gesellschaftlichen Struktur und deren Funktion im kleinen und beinahe komplett von Indien umgebenen Staat Bangladesch. Die Story beginnt in einem Spital und wirkt sehr schnell bedrückend: Sofort wird ersichtlich, dass die Lage angespannt ist. Filmisch wird dieser Zustand durch lange Einstellungen ohne grosse Handlung untermalt, dazu eine eintönig-blaue Farbgebung, welche sich durch den ganzen Film durchziehen wird.

Zu einer Eskalation der Situation kommt es aber erstmal nicht, was die Angelegenheit recht zäh und anstrengend macht für die Zuschauenden. Die langen Einstellungen und die Ungewissheit, welche Richtung der Film einschlagen möchte, bewirken einen beinahe totalen Stillstand. Erst durch unterschiedliche Telefonate der Protagonistin erfährt man mehr über deren Rolle als Mutter, Schwester und Tochter, nachdem sie zuvor primär als Lehrerin am Universitäts-Spital wahrgenommen worden ist.

Erst nach einem Zwischenfall kommt etwas Fahrt auf, die Story beginnt sich zu entwickeln. Leider geht dabei der Fokus verloren, so dass ein simpler Storyteil unübersichtlich wird und erst wieder entwirrt werden muss. Die private Rolle von Rehana als Mutter einer Tochter, die ebenfalls durch ein System (nämlich dem Schulsystem) unterdrückt wird, gewinnt an Einfluss und Screentime. Hier streut Saad Gesellschaftskritik ein, räumt ein, dass in Bangladesch offenbar sexuelle Gewalt noch immer verharmlost und unter den Teppich gekehrt wird. Und der Film zeigt auch, mit welchen Folgen eine Person zu rechnen hat, die sich traut, laut zu werden und aktiv dagegen anzukämpfen.

Am Ende jedoch kämpft Rehana an zwei Fronten und es scheint nicht alles zu sein, wie es den Anschein gemacht hat. War der Film zu Beginn handlungsarm, wird er nun überhastet. Das Interesse an der Handlung und den Charakteren - ausgenommen: Rehanas wunderbare Tochter Emu - ist bis dahin zu grossen Teilen bereits verloren.

Optisch ist der gesamte Film in einem trüben Blauton gehalten, was den Filmgenuss zusätzlich erschwert: Es fehlt die farbliche Abwechslung, alles wirkt steril und distanziert. So bleibt Rehana Maryam Noor ein Versuch, gesellschaftliche Zustände in Bangladesch anzuprangern, ohne dabei mit ganzer Konsequenz aufzuzeigen, welche Folgen die Ungerechtigkeiten haben, wie dies zum Beispiel in Noces der Fall war.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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