Red Rocket (2021)

  1. ,

Filmkritik: Mr. Hollywoods Zauberstab

74e Festival de Cannes 2021
Wildes Reiten beherrsch ich gut!
Wildes Reiten beherrsch ich gut! © Drew Daniels

Ohne Vorankündigung taucht Mikey Saber (Simon Rex) bei seiner Ehefrau Lexi (Bree Elrod) in Texas City auf und bittet um einen Tag Unterschlupf, obwohl er sich jahrelang nicht mehr bei ihr gemeldet hat. Der abgehalfterte Pornostar ist seit dem Tod von Schauspieler Paul Walker, dessen Rolle er in der Schmuddelfilm-Reihe «The Fast and Fury Ass» verkörperte, nicht mehr gefragt in der Szene und ist deshalb aus Hollywood zurück in seine Heimatstadt gekehrt. Lexi war ihrerseits ebenfalls ein grosser Name in der Szene. Mittlerweile hat sie das unorthodoxe Geschäft hinter sich gelassen und lebt in bescheidenen Verhältnissen bei ihrer Mutter.

Unter der Bedingung, dass Mikey sich einen Job beschafft und ihnen Geld besorgt, lassen sie ihn auf der Couch übernachten. Doch mit Mikeys Ruf gestaltet es sich schwieriger als gedacht, eine seriöse Arbeit zu finden und so meldet er sich bei Lexis Nachbarn, um für sie Drogen zu dealen. In einem Donut-Laden lernt Mikey die hübsche, bald 18-jährige Strawberry (Suzanna Son) kennen und verliebt sich sofort in sie. Mikey ist überzeugt davon, dass Strawberry das Potenzial zu einem erfolgreichen Pornostar hat und plant mit ihr die Rückeroberung Hollywoods.

Wie in seinem Meisterwerk The Florida Project gewährt Sean Baker in seiner neuen Komödie Red Rocket Einblick in das Leben der tiefsten sozialen Schichten in den USA. Kritisch und humorvoll beleuchtet er dabei das unrühmliche Geschäft der Pornoindustrie auf ansprechende, aber leider auch etwas einseitige Weise. Ähnlich wie in seinem Vorgängerwerk kreiert er in dem Film eine Traumwelt mit einer glanzvollen Fassade und einem kaputten inneren Kern, indem er heruntergekommene, schäbige Gegenden mit kraftvollen farbigen Bildern schön aussehen lässt.

Der US-amerikanische Indie-Regisseur Sean Baker hat sich die Messlatte sehr hoch gelegt mit seinem Vorgängerwerk und Publikumsliebling The Florida Project, in dem er den Alltag von Kindern aus den amerikanischen Unterschichten frech, lebhaft und authentisch darstellt. Dem Niveau dieses Geniestreichs vermag sein neuster Film Red Rocket das Wasser nicht zu reichen. Dennoch hat die Komödie ihre starken Momente, und stilistisch ist er seinem letzten Film in vielerlei Hinsicht ähnlich.

Auch Red Rocket ist visuell insgesamt sehr heiter gestaltet und lässt die eigentlich sehr tragische Geschichte so viel besser erträglich erscheinen. Symmetrische Bilder von extravagant aussehenden Shops mitten im Nirgendwo stehend sind ein Beispiel dafür; oder das hellblaue City-Bike, das der Protagonist Mikey elegant durch die Strassen von Texas City kurvt. Auch in der farbigen Kleidung der Figuren äussert sich die Heiterkeit. Und Strawberrys knallrote Haare leuchten förmlich durch die Bilder und intensivieren so Mikeys Faszination für sie. All diese visuellen Eigenschaften und die humorvollen, oftmals nicht ganz koscheren Dialoge kreieren die Fassade einer Traumwelt. Sie lassen die Welt aus Mikeys Perspektive erscheinen. Nach aussen hin ist sie glänzend und glamourös, und sie versucht die Ernsthaftigkeit des Lebens zu unterdrücken, was jedoch nicht möglich ist.

Mikey versucht der Realität zu entfliehen, indem er im Hier und Jetzt lebt und die Zukunft ignoriert, weil er sich diese mit seinem Ruf erschwert hat. Er ist eine typische Antiheldenfigur, die vieles in ihrem Leben falsch macht und sich zu dämlichen Schnellschuss-Entscheidungen verlocken lässt. Dies bringt ihn die in immer grössere Schwierigkeiten. Wenn er die kaum erwachsene Strawberry dazu verlocken will, eine Karriere im Pornogeschäft zu lancieren, ist dies skrupellos und egoistisch. Er sieht dabei nur den unmittelbaren Erfolg, den sie erzielen würden, ignoriert aber, dass er damit ihr Zukunft ruiniert. Bei aller Dummheit und Unverantwortlichkeit erregt er aber auch Mitleid und weckt Sympathien mit seinem humorvollen und charmanten Auftreten.

Dies funktioniert nur dank der grossartigen authentischen Performance von Hauptdarsteller Simon Rex. Seine Interpretation ist witzig, hemmungs- und schamlos, und oftmals wirkt er aufgedreht, weil er so schnell spricht. Dass der Schauspieler, Rapper und Comedian tatsächlich auch eine einmalige Erfahrung als Darsteller in einem Porno mitbringt, war für sein Schauspiel bestimmt ebenfalls hilfreich.

Red Rocket fängt die Missstände rund um das Leben dieser tragischen Figuren sehr gut ein und bringt stark zum Ausdruck, mit welchen Risiken eine Karriere in der Pornoindustrie verbunden ist. Eine etwas objektivere, ausgewogenere Darstellung dieses riesigen Geschäfts wäre aber auch nicht verkehrt gewesen. Trotz der zweifellos vielen negativen Aspekte ist es dennoch eine Industrie, an deren Produkten sich tagtäglich Millionen von Haushalten bedienen.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. facebook
  4. Instagram