Qui rido io (2021)

Qui rido io (2021)

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  2. 133 Minuten

Filmkritik: Wer zuletzt lacht...

78. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2021
Publikumsliebling Scarpetta hat die Lacher auf seiner Seite
Publikumsliebling Scarpetta hat die Lacher auf seiner Seite © Studio / Produzent

Der Schriftsteller und Theaterschauspieler Eduardo Scarpetta (Toni Servillo) begeistert die Zuschauer mit seinen Komödien. Seine Figur Felice Sciosciammocca gehört zu den Publikumslieblingen und sein neapolitanisches Theater ist ein echtes Familienunternehmen. Vor allem die Söhne eifern Papa nach - allen voran Vinzenco (Eduardo Scarpetta) und der kleine Eduardo De Filippo (Alessandro Manna), eines seiner zahlreichen unehelichen Kinder.

Der "Onkel" ist wieder zu Besuch
Der "Onkel" ist wieder zu Besuch © Studio / Produzent

Am Zenit seines Schaffens plant Scarpetta, eine Tragödie des angesehenen italienischen Dichters Gabriele D'Annunzio (Paolo Pierobon) zu parodieren. Scarpetta bittet D'Annunzio dazu höchstpersönlich um Erlaubnis. Doch bei der Premiere wird die Parodie von Buhrufen und Pfiffen anderer Autoren unterbrochen. Was darauf folgt, ist ein Skandal: D'Annunzio bezichtigt Scarpetta des geistigen Diebstahls und verklagt ihn. Während der erste Urheberrechtsprozess Italiens losgetreten wird, gerät auch Scarpettas Privatleben ins Wanken: Luisa (Cristiana Dell'Anna), seine angeheiratete Nichte und zugleich Geliebte, erwartet das nächste uneheliche Kind, das Erbe will geklärt sein und Sohn Vinzenco träumt neuerdings von einer Filmkarriere. Bekommt Eduardo Familie und Karriere wieder in den Griff?

Der italienische Regisseur Mario Martone tischt den Zuschauern mit Qui rido io eine Geschichte auf, die zwischen Familiensaga und Gerichtsstory feststeckt. Richtig bedienen möchte der Film aber beides nicht. Stattdessen bekommen die Zuschauer ein viel zu üppiges Drama serviert, das dank des umfangreichen, scarpettaischen Stammbaums schnell unübersichtlich wird. Im Gegensatz zum echten Scarpetta vermag Qui rido io das Publikum damit nicht vom Hocker zu reissen.

Regisseur Mario Martine ist neben dem Kino auch im Theater und in der Oper zu Hause. Kein Wunder also, dass er sich in seinem neusten Film mit einer Ikone des neapolitanischen Theaters befasst. Womöglich kam ihm die Inspiration dazu beim Dreh seines Vorgängerfilms Il sindaco del Rione Sanità. Der nämlich basierte auf einem Stück des angsehenen Autors Eduardo De Filippo - Scarpettas unehelichem Sohn.

Direkt in den ersten Minuten des Films stellt Martine eine Theatersequenz des Scarpetta-Ensembles nach und führt die Zuschauer auf und hinter die Bühne. Am Ende der Spielszene stopfen sich die Darsteller gierig Spaghetti in die Münder. Das Bild ist symbolisch für den gesamten Film, der voll ist mit Theatralik und Übersättigung.

Der preisgekrönte Schauspieler Toni Servillo mimt Legende Scarpetta mit Inbrunst und wie seine Performance ist Qui rido io von allem ein Schlag zu viel. Das fängt bei den wirren familiären Verhältnissen Scarpettas an, der mindestens sieben Kinder mit drei Frauen hat. Da verlieren nicht nur die Zuschauer den Überblick über die voluminöse Sippe. Selbst einige der unehelichen Sprösslinge wissen nichts von ihren eigenen Verwandtschaftsbeziehungen. Für sie ist Eduardo Scarpetta der knollnasige "Onkel", der ab und an vorbeischaut und Mutti an die Wäsche geht.

Mit den Plagiatsvorwürfen servieren Martone und Ko-Autorin Ippolita di Majo den Zuschauern dann auch noch ein Nebengericht, auf das man gar keinen richtigen Appetit hat. Dabei liessen sich hier durchaus schöne Paralleln zur heutigen Filmlandschaft ziehen; ist Scarpetta doch eine Art Blockbuster-Produzent seiner Zeit, bei dessen Schöpfungen Neapels High-Brow-Kollegen nur neidisch die Nase rümpfen. Jedoch ist man zu diesem Zeitpunkt zu sehr damit beschäftigt, einen gedanklichen Stammbaum der Familie Scarpetta zu erstellen, um sich auch noch auf diesen Nebenstrang einzulassen.

Wenigstens toll angerichtet ist das Ganze: Ausstattung und Kostüm transportieren die Zuschauer direkt ins Neapel des frühen neunzehnten Jahrhunderts und bieten bei diesem Drei-Sterne-Menü zumindest eine schöne Garnitur.

Swantje Oppermann [swo]

Swantje ist seit 2013 Teil der OutNow-Crew. Zu ihren Lieblingen gehören «Jurassic Park», «When Harry Met Sally» und «Se7en». Bei «Titanic» muss sie noch heute heulen. Das Filmfestival Venedig liebt sie nicht nur wegen der Filme, sondern auch, weil dort der Aperol Spritz in rauen Mengen fliesst.

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