Filmkritik: One Cut of the Hair

17. Zurich Film Festival 2021
«Aber nicht zu viel abschneiden, ja?»
«Aber nicht zu viel abschneiden, ja?» © Pimienta Films

Die kleine Ana (Ana Cristina Ordóñez González/Marya Membreño) lebt mit ihrer Mutter Rita (Mayra Batalla) in einem abgelegenen mexikanischen Bergdorf. Die meisten Männer des Dorfes, so auch Anas Vater, sind monatelang weg, da sie weit weg vom Dorf arbeiten, um Geld nach Hause zu senden. Immer wieder fahren schwarze Geländewagen des Kartells durchs Dorf und verschleppen die jungen Mädchen im Teenageralter.

«Keine Sorge, die Haare wachsen wieder nach.»
«Keine Sorge, die Haare wachsen wieder nach.» © Pimienta Films

Aus diesem Grund entschliesst sich Rita dazu, ihrer Tochter die Haare abschneiden zu lassen, sodass sie so lange wie möglich für einen Jungen gehalten wird. Zudem haben sie ein Geheimversteck für Ana errichtet, in dem sie sich zur Sicherheit verstecken kann, wenn die Fahrzeuge zu nahe kommen. Als eines Tages eine Freundin von Ana vom Kartell verschleppt wird, ändert sich einiges in Anas Einstellung.

In Prayers for the Stolen - Noche de fuego wird die Geschichte eines Mädchens erzählt, das sich wie alle anderen Teenager-Mädchen in einem Bergdorf vor dem Kartell fürchtet. Das vermittelt Regisseurin Tatiana Huezo auf sehr ruhige Art. Obwohl die gefährlichen Kartell-Mitglieder fast nie zu sehen sind, ist die Gefahr fast jederzeit spürbar. Und die wenigen Momente, in denen eine Unbeschwertheit über dem Dorf schwebt, sind sehr berührend. Der Film ist mit fast zwei Stunden einen Tick zu lang, aber dennoch sehenswert.

Viel gesprochen wird in Prayers for the Stolen nicht. Sehr detailliert wird die teilweise etwas trostlose Umgebung im kleinen Dorf gezeigt. Viel Action darf man bei diesem Film nicht erwarten und manchmal erfordert der Film in seiner Langsamkeit ein wenig Geduld.

Der Film lebt von seiner meist bedrückenden Atmosphäre und hat teilweise fast dokumentarische Züge. Dies ist vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass Tatiana Huezo bisher nur in Kurzfilmen und Dokumentationen Regie geführt hat und dies daher ihr Regiedebüt für einen fiktiven Film ist. Der Film beruht auf dem Bestseller «Gebete für die Vermissten» von Jennifer Clement.

In Prayers for the Stolen - Noche de fuego auch oft im Mittelpunkt: Die Beziehung zwischen Ana und ihrer Mutter Rita. Ana wird von ihrer Mutter Rita sehr streng erzogen und teilweise wirkt Ana auch mehr wie eine Haushaltshilfe. Doch es ist spürbar, dass Rita einen Weg sucht, um Ana ein besseres Leben zu ermöglichen.

Die Kinderdarstellerinnen sind durchs Band gut besetzt und wirken sehr authentisch. Doch die eine Szene von Schauspielerin Ana Cristina Ordóñez González, die die achtjährige Ana spielt, muss hervorgehoben werden: Als ihr ihre schwarzen langen Haare abgeschnitten werden, sieht sie sich im Spiegelbild und alleine für diesen Gesichtsausdruck, dieser Mischung aus Traurigkeit und Teilnahmslosigkeit, lohnt sich der Film.

Christoph Reiser [chr]

Christoph arbeitet seit 2020 als Freelancer für OutNow. Er weiss, dass man Animationsfilme nicht hassen darf, dafür liebt er Sergio-Leone-Western. Der Besuch eines Filmfestivals ist zuoberst auf seiner Bucket-List, naja fast. Und er mag kein Popcorn im Kino, denn er steht auf Chips.

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