The Power of the Dog (2021)

The Power of the Dog (2021)

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  3. 125 Minuten

Filmkritik: Der mit dem Schlamm tanzt

78. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2021
Die zwei Brüder halten den Betrieb auf Trab.
Die zwei Brüder halten den Betrieb auf Trab. © Netflix

Die beiden Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George (Jesse Plemons) besitzen eine riesige Ranch in Montana. Phil ist das grobe Alphatier, von seinen Knechten bewundert und von den Bediensteten gefürchtet. George ist stiller und deshalb auch für Frauen und Gäste auf der Ranch zugänglicher. Als George die verwitwete Rose (Kirsten Dunst) heiratet, die mit ihrem Sohn, dem sensiblen Pete (Kodi Smit-McPhee) auf die Ranch zieht, passt das George nur bedingt.

Stilles Schaffen auf der Ranch.
Stilles Schaffen auf der Ranch. © Netflix

George beginnt deshalb die beiden Neuankömmlinge subtil zu quälen. Er spielt auf seinem Banjo die Melodien nach, die Rose auf dem Klavier anstimmt und verspottet den Blumenschmuck, den Pete mit Schere und Papier bastelt. George sucht zwar die Aussprache, kommt aber nicht gegen seinen rüpelhaften Bruder an. Rose verfällt allmählich dem Alkohol. Nur Pete beginnt, sich mit seinem Stiefonkel zu arrangieren. Vielleicht haben die beiden mehr Ähnlichkeiten, als ihnen lieb sein könnte.

Netflix macht's möglich. Nach zwölf Jahren Kinopause meldet sich Jane Campion (The Piano) mit einem oberflächlich ultramännlichen Film zurück. The Power of the Dog ist ein seltsam sensitiver Western, der mit seinen Andeutungen über veraltete Rollenbilder besser ins Jetzt passt als in die Zeit, in der er eigentlich spielt. Faszinierend, aber plottechnisch unentschlossen.

Seit 2009 mit Bright Star drehte Jane Campion keinen Kinofilm mehr und widmete sich stattdessen ihrer TV-Serie Top of the Lake. Nun ist auch die australische Regisseurin dem Lockruf Netflix' gefolgt. An der Pressenkonferenz der Filmfestspiele Venedig verglich sie das finanzielle Wirken des Streamingdiensts mit dem Mäzenatentum der Medici während der Renaissance. Und so erzählt sie mal wieder etwas innerhalb einer Laufzeit von gut zwei Stunden.

Dass Campion in ihrem Spätwestern einen machoiden Cowboy ins Zentrum stellt, überrascht schon eher. Benedict Cumberbatch mit amerikanischem Akzent, als wäre er schon ewig Kuh-Hirte, ist nicht wirklich eine Figur, die man von Campion erwartet. Sein Phil, der nach eigenen Angaben «gerne stinkt», ist denn auch nur oberflächlich ein Westernheld. Die The Piano-Regisseurin nimmt das Genre als Staffage für Charaktere, die mit Gender-Identitäten kämpfen, wie man sie 100 Jahre später eigentlich eher erwartet.

Denn die Farmer, die Jane Campion nach der Romanvorlage von Thomas Savage schildert, sind ziemlich «snobby». Wir schreiben die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Die ersten Automobile düsen durch die Rocky Mountains, und die Ausbildung an Colleges der Ivy League muss sich nicht mit der Viehzucht ausschliessen. Ja, sogar Tennis wird gespielt auf dem Hof. Es stossen Welten aufeinander: Grobschlächtiges wie Seile flechten, Stiere kastrieren, Pferde satteln auf der einen Seite. Feinfühliges wie Klavier spielen, anatomisch korrekt zeichnen und Mode anprobieren (weisse Sneakers!) auf der anderen.

Der Film spielt mit unerfüllten Erwartungen und führt auf falsche Fährten. Die mit römischen Zahlen offensiv forcierte Kapitelstruktur verstärkt die Unentschlossenheit, die wohl in der Drehbuchvorlage zu suchen ist. Pfeift Phil den Radetzky-Marsch, droht viel weniger Ungemach, als man es wegen seiner toxischen Männlichkeit erwartet. Denn sogar der grösste Grobian hat einen Seidenschal, den er besonders gerne streichelt. Und Roses Alkoholsucht wirkt wie ein unausgegorenes Klischee.

Kodi Smit-McPhee, glänzend gecastet als feiner Sprenzel, entwickelt sich zur spannendsten Figur eines Films, bei dem hinter all der Symbolik die eigentliche Dramturgie so zu kurz kommt, dass ihm sogar die finale Wendung entgleitet. Der eilig herbeigeführte Schluss verwirrt nur noch.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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Kommentare Total: 5

oscon

Was mich am meisten am Film gestört hat, ist die Location. Der Film soll in Montana spielen und man sieht leider meist, dass dies kaum Montana sein kann.(gedreht wurde in Jane Campions «Hinterhof» in Neuseeland). Für einen Montana Western empfehle ich die Serie «Yellowstone» mit Kevin Costner.
Benedict Cumberbatch und das Ehepaar Plemons spielen routiniert, Kodi Smit-McPhee ist für mich ein reines Ärgernis. Zwar wird eine gewisse Spannung aufgebaut, die Auflösung des Handlungs-Twist ist aber schon vorher so klar und schafft somit leider auch keine komplette Klärung hinsichtlich des Schlusses. Ich kann da nur Sam Eliotts Kritik begrüssen, dass der Film «kompletter Scheiss» ist…

andycolette

Wahre Kunst im Kino Hammer wie ein Picasso Gemälde ! Vielleicht klappt es dieses Mal für ( Jane Champion) es wäre mehr als verdient !! Hammer actors hat auch die Chance auf viele oscars !! Masterpiece

chr

Der Film hat massive Pacing-Probleme. Dunst vermag nicht zu überzeugen, Cumberbatch solide, Plemons gut. Eine halbe Stunde kürzer wäre auch gegangen.

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