La place d'une autre (2021)

  1. 112 Minuten

Filmkritik: Fake it till you make it

Locarno 2021
Lauter, bitte!
Lauter, bitte! © Studio / Produzent

Frankreich 1914: Nachdem sie ihren Job als Bedienstete verloren hat, lebt Nélie (Lyna Khoudri) auf der Strasse. Ein Job beim Roten Kreuz soll ihre Rettung werden. Krankenschwestern können hinter der Front im Ersten Weltkrieg immer gebraucht werden und die fleissige Nélie schlägt sich gut. Als vor ihren Augen Rose (Maud Wyler) stirbt, nimmt sie geschwind die Identität der reichen Schweizerin an und heuert bei Madame de Lengwil (Sabine Azéma) als Vorleserin an.

Mehr Licht, bitte!
Mehr Licht, bitte! © Studio / Produzent

Madame de Lengwil ist sehr angetan von Nélie. Und so lebt die Schummlerin fortan in guter Gesellschaft und gleichzeitig in ständiger Angst, enttarnt zu werden. Als eines Abends Rose vor der Tür steht, droht Nélie aufzufliegen. Die vermeintlich Verstorbene hat nämlich überlebt und beklagt sich nun bei der feinen Gesellschaft über den Identitätsbetrug. Ein Skandal droht. Wem soll Madame de Lengwil glauben?

Nach einer literarischen Vorlage von Wilkie Collins erzählt Aurélia Georges in ihrem dritten Spielfilm über das harte Schicksal von Frauen von vor mehr als 100 Jahren. Ein spannendes Period Piece über Vertrauen, Intimität und Stammesdünkel mit einer grossartigen Lyna Khoudri (The French Dispatch) in der Hauptrolle.

Eine soeben entlassene Schwangere vertraut der Figur der Nélie in der Mitte Films an, dass es hoffentlich kein Mädchen werde. Sie hätten es schon schwer genug, ist ihre Sorge. Und wir wissen, was sie meint. Zu dem Zeitpunkt sahen wir schon, wie Nélie vom Arbeitgeber belästigt, von Prostituierten beschimpft, vergewaltigt und auf der Strasse von einer anderen Bettlerin vertrieben wurde. Damals - vor mehr als Hundert Jahren - hatte man es als halbwaise Tochter einer Wäscherin nicht leicht.

Der soziale Aufstieg gelingt ihr zwar, aber nicht ohne Sozialdarwinismus. Wer oben sein will, muss fighten. Chamäleonhaft unterwandert Nélie die Oberschicht, behält dabei aber ein Gewissen. Gerade weil sie sich bewusst bleibt, woher sie kommt, wird Nelie zur Sympathieträgerin, und die Geschichte erhält ordentlich Suspense, als ihre Rivalin Rose wieder auftaucht.

Was zu einem hysterischen Catfight hätte ausarten können, wird mit Aurélia Georges auf dem Regiestuhl ein gediegener Kostümfilm. Wie Downton Abbey, einfach spannender. Vorlagengeber und Mystery-Novel-Meister Wilkie Collins sei Dank. Newcomerin Lyna Khoudri leidet still und beeindruckend durch die Ausgangslage und die oftmals extrovertierte Sabine Azéma passt sich ebenfalls der Stimmung an und spielt das passende Gegenstück.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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