Paracelsus - Ein Landschaftsessay (2021)

Paracelsus - Ein Landschaftsessay (2021)

  1. 108 Minuten

Filmkritik: Im Hörsaal der Natur

17. Zurich Film Festival 2021
Ein klassischer Ruheort. Direkt am Flughafen Zürich.
Ein klassischer Ruheort. Direkt am Flughafen Zürich. © Zurich Film Festival

«Meine Gebeine werden mit euch streiten», soll Theophrast von Hohenheim (1493-1541) gesagt haben, dessen Übername Paracelsus man bis heute in Verbindung mit Naturheilkunde bringt. Er, der sich auch mit Gott beschäftigt hat und so manches Leben mit seinen Heilkünsten verlängert haben soll, könnte im 21. Jahrhundert noch mit uns disputieren? Regisseur Erich Langjahr kam durch ein Buch des einstigen Lehrers Pirmin Meier auf den Geschmack und begibt sich mit seiner Kamera auf Spurensuche.

Dabei soll Paracelsus-Kenner Meier an den wichtigsten Wirkungsstätten des mittelalterlichen Naturgelehrten Einblick geben in dessen Persönlichkeit und Gedankenwelt. Erste grosse Station wird Einsiedeln sein, der damals «heiligste Ort der Schweiz», der auch heute noch Pilger- und Besucherscharen anzieht. Als Ausgangspunkt legen sie die Geburtsstätte ihres Studiensubjekts fest: die Teufelsbrücke im schwyzerischen Egg.

Einen Film kann man so heutzutage eigentlich nicht mehr drehen. Ein Paracelsus-Kenner klappert Orte ab und hält jeweils ein Referat darüber. So wird dieser Film mit dem malerischen Untertitel statt zur poetischen Rundreise eher zur müssigen Pflichtexkursion - es sei denn, man verfügt über kirchengeschichtliches Kontextwissen.

Mit der Zeit entwickelt die Dokumentation eine ganz eigene Komik. An jeder Station wartet man nur darauf, dass (vorwiegend) Experte Meier im typischen Exkursions-Gestus einsetzt; etwas hüftsteif positioniert, immer etwas zu laut und sehr begeistert von seiner Sache. Es schleicht sich damit unbeabsichtigt ein leicht klamaukiges Vorabend-Sendungs-Feeling in dieses Porträt des polarisierenden Paracelsus, der immerhin einst Maria in die heilige Dreifaltigkeit integrieren wollte und die Wichtigkeit der Naturverbundenheit des Menschen predigte.

Meier gibt sich sichtlich Mühe, niederschwellig Leben und Wirken eines der berühmtesten Ärzte aller Zeiten pointiert zusammenzufassen, jedoch scheint er so tief drin in der Materie, dass er sich kaum vorstellen kann, dass die Mehrheit der Menschen null Vorwissen oder kaum Hintergrundwissen der Kirchengeschichte mitbringen. Über Lazariter, Templer, Johanniter, Deutschritter referiert er mit einer Leichtigkeit wie andere über Hufflepuff, Gryffindor, Slytherin oder Ravenclaw. Man kommt sich zwischendurch vor wie an einer Einführungsvorlesung am theologischen Seminar.

Es ist aber zugleich Meiers Engagement, das die Zuschauer bei der Stange hält. Ab und an finden sich sogar Aktualitätsbezüge, beispielsweise wenn es um streikendes Arbeiterinnen und Arbeiter, Seuchen, Burn-Out oder Veganismus geht. Zu letzterem beispielsweise meinte Paracelsus, dass man seine Einstellung zum Kosmos nur über die Nahrung ändern könne: «Ohne Verwandlung im Magen geschieht gar keine Verwandlung.» Die rund 500 Jahre alten Gedanken sind an der Oberfläche nachvollziehbar, doch in die Tiefe dringt das Licht des Verstandes nicht.

Fürwahr, es ist für den Laien eine trockene Angelegenheit. Der Frontal-Unterricht, mit dem Meier allmählich Paracelsus die Show stiehlt, scheint didaktisch ebenso aus der Zeit zu fallen wie die Lehrinhalte des mittelalterlichen Gelehrten. Regisseur Erich Langjahr (Das Rössli, die Seele eines Dorfes, Das Erbe der Bergler) scheint sich dessen bewusst zu sein und versetzt das Porträt immer wieder mit selbstironischen Spitzen. Beispielsweise lässt er eine Szene ungeschnitten stehen, in der Meier neben einer Pestsäule in Wolhusen zum Referat anhebt, dasselbe aber dem Rhythmus der durchfahrenden Autos - schliesslich steht er an einer stark frequentierten Landstrasse - anpassen muss.

Natürlich ist damit auch ein Appell an uns verbunden, die Qualität der einst so spirituell aufgeladenen Ruhe- und Kraftorte zu erhalten respektive wiederzuerlangen und die Landschaft zugunsten der menschlichen Gesundheit aufzuwerten. Apropos Landschaft: Diese geht so ziemlich unter in diesem selbsternannten «Landschaftsessay», werden doch vor allem Gebäude und Kirchen von innen gezeigt. Wenn sie hervortritt, dann in mystischer Verklärung, die jedoch der sonst so wissenschaftliche Ton gar nicht zulässt.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Kommentare Total: 2

Conrad

Gemeinsam unterwegs in der Natur
Als Innerschweizer kenne ich die Landschaften. Mit dem Film Paracelsus erhalte ich einen neuen Layer auf diese Landschaft. Tiefgründig und facettenreich spricht ein Paracelsus zu mir heute im Jahr 2021. Ich schaffe als Zuschauer Verbindung zur Moderne und bin beeindruckt, wieviel man damals schon wusste und trotz aller Wissenschaft und Technik man heute (noch) nicht weiss, siehe Covid19.
So vermittelt sich mir heute die wohl selbe ruhige und eigentlich unspektakuläre Landschaft wie damals und gibt Einblick ins Bewusstsein dieses wandernden Paracelsus immer im Austausch mit Land und Leuten.
So brauche ich keine speziell inszenierten Aufnahmen mit Drohnenflüge, keine farbigen Sonnenuntergänge, und keine Highlights einer intensiven, ausgeklügelten, fulminanten Dramaturgie. Ich begegne aber schlicht einem Paracelsus und seiner Gedankenwelt in Folgen. Ich erahne seinen Spirit und die Klugheit, und erspüre seinen Schmerz, wenn er sich nicht immer schlüssig und perfekt der damals aktuellen Lebenswelt mitteilen konnte. Jeder Sender braucht Empfänger. Dabei ist es der Empfänger, der die Botschaft umfassend verwirklicht. Darauf muss sich der Zuschauer vom Film Paracelsus einlassen. Der Film "spricht" nicht allein zu uns als Filmkonsumenten. Er braucht den Zuschauer im gemeinsamen "Gespräch". Voila. So wird der Film erst mit unserem Dabeisein und Zutun zu unser aller Geschichte seit Paracelsus. Ich werde Teil dieser Landschaft und Freund von Paracelsus.
Conrad Wagner, Stans NW

arx

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Trailer Deutsch, 02:10