Ostrov - Lost Island (2021)

  1. 92 Minuten

Filmkritik: Patriotismus à la Putin

52. Visions du Réel 2021
Wie man sich auf dem kaspischen Meer tarnt
Wie man sich auf dem kaspischen Meer tarnt © Visions du Réel 2021

«Was, wenn die Küstenwache uns erwischt?», fragt Ivan keck, als er in seinem Boot steht, und gibt sich gleich selbst zur Antwort: «Dann sind wir geliefert.» Das hindert ihn allerdings nicht daran, herauszufahren. Bereits ein gefangener Fisch könnte ihm Kopf und Kragen kosten, denn er fischt illegal. Doch als selbstversorgender Bewohner der Wüsteninsel Ostrov bleibt ihm keine andere Wahl, denn auf die benötigte Lizenz wartet er nämlich schon seit Jahren vergeblich.

Der alte Mann und das Meer
Der alte Mann und das Meer © Visions du Réel 2021

Seit der Auflösung der Sowjetunion werden die wenigen Bewohnerinnen und Bewohner dieses Eilands im Kaspischen Meer im Stich gelassen und von der Küstenwache schikaniert. Die Jungen wandern in die Stadt ab, zu unattraktiv ist das Leben hier ohne Elektrizität und fliessend Wasser. Das tut jedoch Ivans Patriotismus und demjenigen seiner Nachbarn keinen Abbruch. Gebannt horchen sie den Reden ihres Präsidenten Wladimir Putin - und hoffen auf bessere Zeiten.

Politisches Pulsfühlung und Porträt einer stillgestandenen Gesellschaft: Ostrov - Lost Island nimmt sich beides vor und löst beides zur Hälfte ein. Die Dokumentation erfasst einiges und spricht vieles an, schafft es aber nicht mehr, das zu vertiefen. So bleibt man nach den 90 Minuten Film, obwohl man dabei ein gutes Gefühl für die Lebensumstände und die Mentalität der Bewohnerinnen und Bewohner dieses in der Zeit stehen gebliebenen Eilands erhalten hat, gewissermassen auf dem Trockenen sitzen.

Hier, wo Eiscreme einer «Sensation» gleichkommt, scheint die moderne Zivilisation ganz weit weg. Doch auf dieser wüsten Fischerinsel ist vom Garten Eden ebensowenig eine Spur, wie vom bedürfnislosen Aussteigertum - zu nahe sind die Einflüsse des modernen Lebens, die durch die wenigen Häuschen geistern. Nicht nur die Verlockungen des russischen Festlandes mit ihrem zivilisatorischen Komfort ziehen die Menschen fort, sondern auch die maskierten und bewaffneten Küstenwächer, die auf ihren Routinevisiten regelrecht Endzeitstimmung verbreiten, sorgen für Unwohlsein.

Nachdem man mit der Familie und der Infrastruktur vertraut gemacht worden ist und sich allmählich auf ein Alltagsporträt russischer Eigenbrödler - im positivsten Sinne des Wortes - einstellt, schwenkt der Fokus relativ abrupt auf die Politik Russlands um, die sich gleichsam im Hohlspiegel Ostrov reflektiert und bis zum Schluss das bestimmende Thema ist. Das Regie-Duo Svetlana Rodina/Laurent Stoop (letzterer hat sich bereits mit Putins Politik befasst) legt auf der aus der Zeit gefallenen Insel den Finger auf die Mentalität der Bewohnerinnen und Bewohner, die sich seit dem Ende der Sowjetunion kaum verändert hat und deckt zielgerichtet all ihre Widersprüchlichkeiten auf.

Weil wir stets auf der Insel bleiben, bekommen wir den Blick der Bewohnerinnen und Bewohner auf die weite Welt mit, doch damit macht die Dokumentation auche Fässer auf, die eine tiefergehende Behandlung wünschenswert gemacht hätten wie zum Beispiel die patriotische Geschichtsauslegung an russischen Schulen, die Korruption unter regionalen Behördenvertreterinnen und -vertretern oder Putins Rhetorik. Wenn es auch da und dort aufschlussreich wird, erweist sich dieses Werk schlussendlich als weder Fisch noch Eiscreme.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. facebook
  4. Instagram
  5. Website