Onoda, 10 000 nuits dans la jungle (2021)

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  3. 165 Minuten

Filmkritik: Von Männern und Bäumen

74e Festival de Cannes 2021
Chef, wann gibts endlich Essen?
Chef, wann gibts endlich Essen? © bathysphere

Japan währemd des Zweiten Weltkriegs: Der 22-jährige Nachrichteoffizier Hiroo Onoda (Yûya Endô & Kanji Tsuda) wird von Major Yoshimi Taniguchi (Issei Ogata) für eine spezielle Mission rekrutiert: Zusammen mit anderen Männern der japanischen Armee soll Onoda auf der philippinischen Insel Lubang stationiert werden. Dort haben sie eine streng geheime Mission zu vollziehen, die enorm wichtig zu sein scheint. Die Mission darf erst als beendet betrachtet werden, wenn sie Taniguchi höchstpersönlich abbricht. Die Männer erhalten vom Major die Anweisung, nicht das Recht zum Sterben zu haben, sich von Wurzeln zu ernähren, wenn sie nichts anderes finden.

Gute Tarnung ist die halbe Miete.
Gute Tarnung ist die halbe Miete. © bathysphere

Onoda wird zum Anführer dieser Truppen, die sich im tiefsten philippinischen Dschungel zurückziehen. Immer wieder werden Zivilisten überfallen und Felder angezündet, um den Nachbarinseln und den dort stationierten Truppen zu zeigen, dass der Krieg noch immer im Gange ist. Durch ihre isolierte Position bemerken Onoda und seine Truppen nicht, dass der Krieg bereits seit Langem beendet wurde durch Japans Kapitulation. Für die Männer dauert der Kriegszustand noch weitere 10'000 Nächte an.

Arthur Harari zeigt in Onoda weitaus mehr als den Zweiten Weltkrieg aus der Sicht Japans. Vielmehr zeigt er einen Mann, der seine Bestimmung findet. Der Film ist so gleichermassen Kriegsfilm wie auch Drama und überzeugt durch eine ruhige Kameraführung und eine dichte Atmosphäre, die sich durch die 165 Minuten Laufzeit durchzieht.

Es ist schwer zu sagen, ob sich Onoda eher dem Kriegsfilm-Genre oder demjenigen des Dramas zuordnen lässt. Der Film ist beides zugleich, wandelt sich vom Kriegsfilm zu Beginn zu einem leisen Drama mit eindrücklicher Bildsprache über einen Mann, der kämpft bis zum bitteren Ende und weit darüber hinaus. Dass der Krieg bereits lange zu Ende ist, Japan kapituliert hat und seine Mission beendet wäre, bemerkt Onoda nicht oder will es nicht wahrhaben.

Onodas Charakter macht im Laufe des Films eine enorme Wandlung durch: vom unterwürfigen Soldaten wird er zum Leader, der Verantwortung übernimmt. Diese Wandlung zu erleben, ist spannend und beeindruckend. Die Spieldauer von 165 Minuten soll nicht vor dem Schauen abschrecken. Sie hört sich lange an; doch dank einem stetig anziehenden Spannungsbogen und den angespannten Situationen während des Krieges wie auch später im Dschungel - das Publikum weiss nie genau, wann der nächste Angriff erfolgt - wird der Film zu keiner Zeit langweilig.

Plötzlich wird jeder zum Feind, jedes menschliche Wesen zur Bedrohung, die die Mission gefährden könnte. Onoda erzählt von Schmerz, Verlust, einem grausamen Krieg und den Schicksalen, den die Männer dabei erlegen sind. Und der Film tut dies nicht reisserisch, ist kein Kriegsfilm, in dem die Schlachten im Mittelpunkt stehen. Vielmehr formen sich die Charaktere. Die ruhigen Bilder, durchbrochen durch Szenen aus dem Krieg, die Menschen, welche sich mit der Natur des Dschungels arrangieren und mit ihr eins werden, machen Onoda zum sehenswerten Werk. Möge der (innere) Krieg bald zu Ende gehen!

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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