Les Olympiades, Paris 13e (2021)

  1. 105 Minuten

Filmkritik: Stadt der Liebe... und des Sex

74e Festival de Cannes 2021
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Sie ... © ShannaBesson

Émilie (Lucie Zhang) ist auf der Suche nach einem neuen Mitbewohner für ihr grosszügiges Apartment in Paris' 13. Arrondissement. Sie fürchtet, ihren Call-Center-Job zu verlieren wegen ihres forschen Kundenumgangs. Die Mietzahlungen sollen ihr im Notfall helfen, über die Runden zu kommen. So lernt sie den attraktiven Lehrer Camille (Makita Samba) kennen, der seine Anstellung gekündigt hat, um seine Doktorarbeit abzuschliessen. Kaum ist er eingezogen, haben die beiden Sex. Als Camille jedoch klarstellt, dass er nicht auf der Suche nach einer festen Beziehung ist, sondern sich nur für ein Mitbewohnerverhältnis mit Benefit interessiert, verletzt er damit Émilies Gefühle und verkompliziert die Wohnsituation.

... oder doch sie?
... oder doch sie? © ShannaBesson

Zur selben Zeit zieht die Mittdreissigerin Nora (Noémie Merlant) in die Stadt, um ein neues Leben zu beginnen. Sie studiert Jura, und als sie eines Abends mit blonder Perücke einen Club besucht, wird sie von jungen Studenten mit der verblüffend ähnlich aussehenden Webcam-Sexarbeiterin «Amber Sweet» verwechselt. Fotos von ihr landen im Internet und sie sieht sich gezwungen, das Studium abzubrechen. Auf der Suche nach einem neuen Job in der Immobilienbranche lernt sie Camille kennen.

Jacques Audiards Les Olympiades ist ein feinfühlig inszeniertes, intimes und erotisches Drama, das den Nerv der Zeit trifft. In wunderschönen Schwarzweissaufnahmen erzählt der französische Regisseur eine moderne Geschichte, die von einem brillant harmonierenden multikulturellen Cast getragen wird. Neben den Themen Liebe und Sex behandelt er auch den Einfluss und die Gefahren der sozialen Medien und schafft damit ein authentisches Zeitdokument der heutigen Gesellschaft.

Der französische Filmemacher Jacques Audiard hat ein beachtliches, breit gefächertes Spektrum an Filmen vorzuweisen. Mit dem Gangsterdrama Un prophète gelang ihm ein Grosserfolg als Regisseur. Und die Folgewerke De rouille et d'os, Dheepan und The Sisters Brothers wurden sowohl von Publikum als auch von Kritikern ebenfalls gefeiert. Audiard ist als mutiger Regisseur zu bezeichnen, weil er in der Lage ist, sich in völlig unterschiedliche Genres zu begeben und in all diesen gute Filme zu realisieren.

In seinem neusten Werk Les Olympiades begibt er sich erneut in unbekannte Gewässer, indem er ein modernes Zeitdokument über das Liebes- und Sexleben der heutigen jungen Erwachsenengeneration schafft. Dies gelingt ihm auf überraschend gute Weise. Trotz der komplizierten Themen, die er anspricht, kommt das Drama leichtfüssig, authentisch und mit der richtigen Prise Humor daher. Dass der Film in kontrastreichen, schönen Schwarzweissaufnahmen gedreht wurde, passt vorzüglich. Einerseits widerspiegelt der Look die völlig unterschiedlichen Figuren der Erzählung. Und des Weiteren sind es eben genau diese Figuren, die das Werk zum Leben erwecken und Farbe in die Erzählung bringen. Die drei Protagonisten, deren Wege sich alle kreuzen, werden von den Darstellern grossartig verkörpert, weil sie wunderbar miteinander harmonieren.

Paris, die Stadt der Liebe, bietet das perfekte Setting für diese Geschichte. In der heutigen Zeit stellt es sich für junge Erwachsene immer schwerer dar, eine wahre Liebe zu finden und eine Beziehung einzugehen. Die Möglichkeiten und der Einfluss des Internets haben einen offeneren Umgang mit Sex und immer häufiger werdende polygame Beziehungsformen bewirkt. Und natürlich spielen hierbei auch die beruflichen Karrieremöglichkeiten und die Gestaltung der Work-Life-Balance eine grosse Rolle. So wird in Audiards Les Olympiades aus der Stadt der Liebe eben auch die Stadt des Sex.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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