Old Henry (2021)

Old Henry (2021)

  1. 99 Minuten

Filmkritik: Auf meiner Ranch bin ich König

78. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2021
Ein Männlein steht im Walde
Ein Männlein steht im Walde © Shout Studios

Henry (Tim Blake Nelson) lebt mit seinem bald erwachsenen Sohn Wyatt (Gavin Lewis) auf einem Hof in Oklahoma. Die Mutter ist schon vor Jahren verstorben. Der Alltag ist anstrengend, aber bis auf ein paar Frotzeleien vom Sohn, der gerne etwas mehr Action hätte in seinem Leben, hat man den Frieden. Da taucht eines Tages ein Pferd ohne Reiter am Horizont auf, dessen blutverschmierter Sattel Besorgnis erregt.

Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?
Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann? © Shout Studios

Henry findet den abgeworfenen Reiter nach kurzer Suche. Neben dem bewusstlosen Curry (Scott Haze) liegt eine Ledertasche voller Geld. Henry zögert, nimmt sich dann aber des Geldes an und Curry in seine pflegende Obhut. Bald erkunden sich Sheriff Ketchum (Stephen Dorff) und seine Mannen auf dem Hof nach einer vermissten Person. Henry verschweigt vorerst, dass er den Mann kennt, den sie suchen.

Kleines Budget. Überschaubares Personal. Packende Handlung. Für einen guten Western braucht es nicht viel. Knautschgesicht Tim Blake Nelson bekommt eine Hauptrolle, für die er sich in gewisser Weise schon bei einer der Episoden von The Ballad of Buster Scruggs der Coen-Brüder als prädestiniert gezeigt hat. Sie sei dem ewigen Nebendarsteller gegönnt, dem hier endlich mal kein Star vor der Sonne steht.

«Mikrowestern», wurde der Film bei den Filmfestspielen von Venedig genannt, der mit wenig Geld von Potsy Ponciroli auf die Beine gestellt wurde. Auf einer abgelegenen Farm von Selbstversorgern reicht ein ungebetener Gast, um den Handlungsmotor anzukicken. Gesellt sich ein spielfreudiger Antagonist, Stephen Dorff mit süffisanter Heimtücke, dazu, bleibt der Spannungsbogen prachtvoll gespannt, bis ein überraschend befriedigendes Ende der Unterhaltung die Krone aufsetzt.

Tim Blake Nelson ist in Old Henry unser Sympathieträger. Als rechtschaffenes Mandli, das man besser nicht unterschätzt, gibt der immer wieder Hollywood-Dutzendware veredelnde Darsteller hier sein wortkarges Bestes. Mit Bauernschläue und einem gekniffenen Auge übersteht er Knochenarbeit und Teenager-Rebellionen des eigenen Nachwuchses. Mit etwas Übermut sieht man im abgeschotteten Lebensentwurf auf Henrys Farm sogar Parallelen zum Lockdown während einer Pandemie - Old Henry könnte glatt auch als erster Corona-Western interpretiert werden.

Schon in The Ballad of Buster Scruggs hat Nelson als Westernheld brilliert. Ein Netflix-Film, den man mittlerweile wegen der Fülle des Streamer-Angebots schon fast wieder vergessen hat. Ein Schicksal, das auch Old Henry droht, hinter dem kein grosses Studio steht für den nötigen Schub in Sachen Bekanntheit. Andererseits hat sich das Westerngenre sowieso in eine Nische verzogen. An Old Henry könnten aber nicht nur Kenner dieser Filmkategorie ihre Freude haben.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter