The Pink Cloud - A Nuvem Rosa (2021)

The Pink Cloud - A Nuvem Rosa (2021)

  1. 105 Minuten

Filmkritik: Wir bleiben wach, bis die Wolken nicht mehr lila sind

Filmingo
Zuckerwatte in der Luft?
Zuckerwatte in der Luft? © trigon-film

Nach einem gemeinsamen One-Night-Stand wachen Giovana (Renata de Lélis) und Yago (Eduardo Mendonca) in der Hängematte auf dem Balkon von Giovanas Wohnung auf. Zeit, darüber nachzudenken, wer die andere Person ist, fehlt den beiden allerdings. Denn durch die ganze Stadt dröhnt ein Alarm und in einer Durchsage wird die Bevölkerung dazu aufgefordert, umgehend in das nächstgelegene Haus zu gehen und Türen und Fenster sofort zu schliessen. Auf der ganzen Welt verteilt, schweben pinke Wolken durch die Luft und töten alle nach zehn Sekunden Kontakt. So wird für Giovana aus dem One-Night-Stand Yago ein Mitbewohner.

«Laaaaangweilig!»
«Laaaaangweilig!» © trigon-film

Weder die Regierung noch die Journalist*innen wissen irgendetwas über diese mysteriösen pinken Wolken. Aufgrund einer technologischen Erfindung kann die Regierung Nahrung und Bedarfsgegenstände in die einzelnen Wohnungen liefern, ohne Menschen zu gefährden. Während Yago als Chiropraktiker auf einen Schlag arbeitslos wird, kann Giovana als Webseitengestalterin zuhause an ihrem Computer arbeiten. Die beiden müssen sich an die neue Situation - an die Gefangenschaft - gewöhnen. Das fällt ihnen nicht immer leicht.

Wer während der Coronakrise gegen Einsamkeit kämpft, sei gewarnt: The Pink Cloud wurde 2019 gedreht und nimmt viele Aspekte der Coronazeit vorweg. Die Einschränkungen für die Menschen im Film sind aber noch deutlich beengender. Wiederum zeigt er den Wert von Geschichten für jeden Einzelnen und damit auch den Wert von Film und Kino. Auch die Gefahren des Lebens in einer Blase zeigen sich eindrücklich. Während der Alltag in The Pink Cloud alles andere als normal ist, darf man der Erzählart die Vorwahl 0815 geben.

Während im echten Leben ein kleiner Virus unseren Alltag einschränkt, erledigen das in The Pink Cloud pinke Wolken. Der gesamte Film spielt in einer Wohnung und zeigt, wie zwei sich beinahe Fremde miteinander zu leben lernen müssen, ohne nach draussen gehen zu dürfen. Das rötlich-dunkle Licht, die nervenstrapazierende Musik sowie die kleine Kulisse gepaart mit diesem beinahe vollständig bekannten Szenario, sorgen während der gesamten Laufzeit für ein beklemmendes Gefühl. Zu sehen, was mit eingesperrten Menschen passiert, geht einem nahe. Kurz gesagt: Emotional funktioniert der Film gut, vielleicht sogar zu gut. Die minimale Darstellung sorgt für einen maximalen Effekt so, wie ein kleines Virus die ganze Welt auf den Kopf stellen kann.

Minimalismus im negativen Sinne kann man der brasilianischen Regisseurin Iuli Gerbase angesichts des Drehbuchs vorwerfen. Die gesamte Story wird linear erzählt und weist den klassischen Spannungsbogen auf. Sogar die typische Erotikszene nach etwa zwei Dritteln des Films kommt mehr oder weniger standardmässig daher. Diese aussergewöhnliche Situation in ein gewöhnliches Erzählmuster zu packen, enttäuscht zumindest ein bisschen.

Wiederum punktet der Film aufgrund seiner Selbstreflexion. Während Giovana und Yago im Fernseher die neuesten Nachrichten oder aus dem Fenster schauen, beobachten wir sie dabei auf der Leinwand oder dem Bildschirm. Von Hörbüchern, Rollenspielen, Games bis hin zu Büchern: Giovana und Yago versuchen sich gedanklich abzulenken, indem sie in andere Welten eintauchen. Dieser doppelte Boden macht Freude. Als Filmschauende befinden wir uns in derselben Lage, in der Geschichten für uns wichtig werden.

Auch sozialpsychologisch betrachtet erweist sich The Pink Cloud als gedankenanregend. So wird beispielsweise die Maslow'sche Bedürfnispyramide, die die Wichtigkeit und Abstufungen von Bedürfnissen und Motivationen für Menschen illustriert, eingeführt. Dass die Pyramide im Laufe der Handlung aufgrund der massiven Einschränkungen in der Lebensführung nach und nach abgebaut wird, überrascht nicht. Sich beispielsweise selbst zu verwirklichen, wenn man die eigene Wohnung nicht verlassen darf, kann schliesslich schwierig werden. Der negative Effekt von Rissen in der Hausfassade auf das Sicherheitsgefühl muss gar nicht erst erklärt werden. Vergegenwärtigt man sich dieses Modell vor dem Schauen des Films, wertet das das Seherlebnis bestimmt auf.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:22