Nobody Has to Know (2021)

Nobody Has to Know (2021)

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  2. 99 Minuten

Filmkritik: «The Bourne Identity» für Arthouse-Fans

Phil geniesst das Leben auf der Insel Lewis.
Phil geniesst das Leben auf der Insel Lewis. © Frenetic Films

Der 50-jährige Belgier Phil Haubin (Bouli Lanners) lebt seit kurzem auf der kleinen schottischen Insel Lewis in einer presbyterianischen Gemeinde und arbeitet für den Bauern Angus (Julian Glover) auf einer Farm. Phil interessiert sich für die allgegenwärtige presbyterianische Religion, aber auch für die Bewohner der Insel. So erfährt er von der alleinstehenden Millie (Michelle Fairley), die in der Gegend von allen «Die Eiskönigin» genannt wird, da sie so kalt wirkt.

Millie belügt Phil über ihre Vergangenheit.
Millie belügt Phil über ihre Vergangenheit. © Frenetic Films

Völlig unerwartet erleidet Phil einen Schlaganfall und es kommt zum Gedächtnisverlust. Millie ergreift die Chance und behauptet, dass sie und Phil vor seinem Unfall ein Liebespaar waren. Phil glaubt ihr und die beiden werden tatsächlich ein Paar. Damit jedoch niemand auf der Insel etwas von ihrer Lüge bemerkt, verlangt Millie von Phil Stillschweigen über ihre Beziehung. Nobody has to know…

In Nobody Has to Know inszeniert Regisseur Bouli Lanners sich und Game of Thrones-Star Michelle Fairley als Liebespaar. Das atemberaubende Schottland als Kulisse, der atmosphärische Soundtrack und die einwandfreie Performance der beiden Hauptdarsteller führen zu einem eindrücklichen Erlebnis, das die Zuschauer mit Gänsehaut auf dem Kinostuhl zurücklässt. Wer sich auf dieses Kino-Abenteuer einlässt und den langatmigen, vielleicht auch etwas langweiligen, Mittelteil durchhält, darf sich auf ein fulminantes und überwältigendes Ende freuen, bei dem auch die ein oder andere Träne vergossen werden kann.

Gemäss eigenen Aussagen war es schon lange Bouli Lanners Wunsch, ein Film über die Liebe zu schreiben. Er habe sich jedoch nie bereit dazu gefühlt, da es in seinen Augen nichts Schlimmeres gebe als eine gescheiterte Liebesgeschichte. Mit Nobody Has to Know erfüllt er sich nun seinen Wunsch. Auf die Frage, ob die Liebesgeschichte gescheitert ist oder nicht, kann man nur mit einem bescheidenen «Jein» antworten. Der Film handelt zwar von der Geschichte zweier einsamer Menschen, die sich näher kommen und schliesslich ein Paar werden. Doch von der Liebe ist während der 99 Minuten eigentlich ziemlich wenig zu spüren. Vielmehr beschäftigt sich der Film mit dem Thema «Freiheit» oder damit, was es bedeutet, eine zweite Chance zu bekommen.

In erster Linie ist Nobody Has to Know jedoch einfach ein visuell beeindruckendes Kunstwerk. Die Kameraarbeit von Frank Van Den Eeden und der Schnitt von Ewin Ryckaert sind fantastisch. Die Bilder und auch die Musik erzählen eine eigene Geschichte und verleihen dem Streifen noch deutlich mehr Tiefe, als er sowieso schon hat.

Abgesehen von den erstaunlichen Aufnahmen hat der Film auch einige dramaturgische Probleme. Bouli Lanners hat sich dazu entschieden, den an Gedächtnisverlust leidenden Hauptcharakter zusammen mit den Zuschauern auf die Suche nach seiner Vergangenheit zu machen. Man kennt dies auch schon aus The Bourne Identity. Es ist ohne Frage eine geschickte Methode, um die Exposition und die Charakterdisposition perfekt in die Handlung zu integrieren. Leider geschieht dies aber viel zu schnell. Über die Motivation der Figuren wissen die Zuschauer bis am Schluss nicht wirklich Bescheid, Konsequenzen aufgrund von Handlungen gibt es auch nicht und die Zusammenhänge sind erst ganz spät bis gar nie ersichtlich.

Nobody Has to Know ist teilweise etwas langatmig und unverständlich. Doch trotzdem hat man nach dem Kinobesuch das Gefühl, dass der Film etwas mitteilen wollte. Diese Botschaften sind zwar zwischen den Zeilen versteckt und werden dem Publikum nicht plakativ vor die Nase gehalten. Aber genau das ist auch das Faszinierende an dem Film.

Rouven Jetter [roj]

Rouven ist ein leidenschaftlicher Film-Fan, der es liebt, in fremde Welten einzutauchen. Am besten gefallen ihm die Filme von Christopher Nolan und er ist davon überzeugt, dass, wer nicht mindestens alle drei Jahre die «Star-Wars»-Trilogie schaut, zur dunklen Seite der Macht gehört.

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