Nitram (2021)

Nitram (2021)

  1. 112 Minuten

Filmkritik: We Need to Talk about Nitram

74e Festival de Cannes 2021
Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der grösse Psycho im ganzen Land?
Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der grösse Psycho im ganzen Land? © GoodThing Productions

Australien in den späten Achtzigern: Der sozial beeinträchtigte, 19-jährige Nitram (Caleb Landry Jones) lebt bei seinen Eltern und stellt mit einer Tasche voller Feuerwerk jeweils nur Blödsinn rund um die Nachbarschaft an. Damit Nitram ein einigermassen normales Leben ohne ständige drastische Wutausbrüche führen kann, muss er täglich Medikamente einnehmen, wobei sich seine Eltern nicht wirklich sicher sind, ob er diese denn überhaupt nimmt.

Als er eines Tages mit dem Rasenmäher durch die Gegend zieht und den Bewohnern anbietet, sich um ihr Grün zu kümmern, lernt er die reiche 54-jährige Helen kennen. Die vereinsamte, mit mehreren Hunden und Katzen lebende Frau scheint Gefallen an dem Einzelgänger zu finden, und so zieht Nitram bald schon in ihr grosses Anwesen ein. Als Helen 1992 bei einem Autounfall stirbt und Nitram von ihr über eine halbe Million Dollar erbt, kauft er sich davon unter anderem jede Menge Schusswaffen...

Justin Kurzel erzählt nach Snowtown von einem weiteren schrecklichen Kriminalfall aus der jüngeren Geschichte Australiens. Er fokussiert dabei ganz auf den Täter und erzählt recht uninspiriert von einer nicht sehr schlauen Person, die wegen Zufalls und viel zu laschen Waffengesetzen zum Mörder wurde. Der Film scheint dabei recht nahe an der Realität. Aber wieso das genau auf Film gebannt werden musste, kann Kurzel nicht wirklich überzeugend beantworten.

Der Australier Justin Kurzel mag es in seinen Filmen gerne dreckig. Nicht nur werfen sich für ihn Stars wie Michael Fassbender, Marion Cotillard und Russell Crowe in den Dreck, sondern sind auch die Figuren in seinen Filmen innerlich emotional verkümmert und kaputt. Das macht das Zusehen oft nicht einfach, da wir bei Kurzel ungefilterte menschliche Abgründe ohne Verschnaufpausen serviert bekommen.

Auch Nitram schlägt in die gleiche Kerbe, der nicht von ungefähr an Kurzels Spielfilmerstling, die Serienmörderstory Snowtown, erinnert. Zwar wird es erst beim Abspann enthüllt, doch auch hier geht es um ein Verbrechen, das Australien in den Neunzigern erschütterte. Nur wird hier nicht wirklich klar, wieso Kurzel genau diese Geschichte erzählen wollte.

Denn im Gegensatz zu Snowtown gibt es kaum was Interessantes oder Einleuchtendes zu erfahren. Man kann gerade so gut im Internet Artikel zu Martin Bryant durchlesen und ist danach sogar noch schlauer. Kurzel zeigt einfach nüchtern und fast schon gelangweilt das Leben eines Psychos und taucht das auch noch in hässliche vergilbte Bilder. Die Frage sei erlaubt, wer sich sowas anschauen will. Wieso fast zwei Stunden mit einer nicht sehr hellen Figur verbringen, deren Weg so dermassen vorgezeichnet ist, dass man automatisch schon nach kürzester Zeit abschweift.

Immerhin hat Kurzel für die Hauptrolle den perfekten Darsteller gefunden. Der auch in anderen Filmen wie X-Men: First Class oder Three Billboards Outside Ebbing, Missouri immer leicht versifft aussehende US-Amerikaner Caleb Landry Jones spielt das alles überzeugend. Doch auch er ist chancenlos gegen das uninspirierte Skript von Shaun Grant und die nichtssagende Inszenierung von Kurzel. Ein Film, fast so sinnlos wie die schreckliche Tat, die am Ende gezeigt wird. So, wir gehen jetzt duschen, um den Dreck abzuwaschen.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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