Nachbarn (2021)

Nachbarn (2021)

  1. 124 Minuten

Filmkritik: Assadisten

56. Solothurner Filmtage 2021
«Da musst du nochmals mit der Feile drüber.»
«Da musst du nochmals mit der Feile drüber.» © Frenetic Films

Sero (Serhed Khalil) wächst in einem kurdischen Dorf im Nordosten Syriens in den frühen 1980er-Jahren auf. Am liebsten treibt er Schabernack mit seinen Freunden, geht bei seiner jüdischen Nachbarin Hannah (Derya Uygurlar) an Sabbat die Lichter anzünden oder provoziert die türkischen Grenzposten zusammen mit seinem Onkel Aram (Ismail Zagros). Am liebsten jedoch würde er sich arabische Cartoons im Fernsehen anschauen. Doch da in seiner Gemeinde kein Strom fliesst, wird er mit seinem Wunsch nach einem Flimmerkasten sowohl von seinem Vater (Heval Naif) als auch Allah stets auf später vertröstet.

Wie der Onkel, so der Neffe
Wie der Onkel, so der Neffe © Frenetic Films

An seinem ersten Schultag macht Sero Bekanntschaft mit dem neuen Dorflehrer (Jalal Altawil). Dieser hat sich fest vorgenommen, im Namen der Baath-Partei um «Führer» Hafiz al-Assad Seros Dorf «von der Dunkelheit der Unterentwicklung zu befreien». Sein flammender Nationalismus stösst bei den kurdischen Kindern zu Beginn auf Stirnrunzeln, insbesondere bei Sero, der kein Wort Arabisch versteht. Allmählich schafft es der Lehrer aber seine radikal antisemitische und antikurdische Botschaft an die Kinder zu bringen und zunehmend sieht auch Sero sich und seine jüdischen Nachbarn in einem neuen Licht.

Die Kindheitsgeschichte Seros erzählt mit behender Leichtigkeit die Drangsalierung des Kurdischen Volkes in Syrien im Namen des Arabisierungsprogramms Hafiz al-Assads. Aus den Augen des Kindes wird glücklicherweise nichts verniedlicht und selbst komisch anmutende Szenen wirken traurig durch das Gefühl der Schlinge, die sich für die wehrlosen Kurden immer mehr zuzieht. Ein beklemmendes und nachdenklich stimmendes Drama.

Eine Kindheit zwischen gewaltsamer Genozidpropaganda und einer durch fanatischen Nationalismus zerstören Dorfharmonie: So porträtiert der schweizerisch-kurdische Regisseur Mano Khalil wohl seine persönliche Erlebnisse in seiner Heimatstadt Qamishli. Schonungslos geht er mit den Methoden des Assad-Regimes der Achtzigerjahre ins Gericht und schildert, wie ahnungslose Kinder mit Systempropaganda infiltriert und wehrlose Erwachsene politisch und militärisch schikaniert wurden. Einige Male läuft es einem kalt den Rücken runter, schüttelt man den Kopf, schluckt man leer.

Freilich bedient Khalil auch die auftretenden Absurditäten, die mit dem unverfrorenen rüpelhaften und selbstgefälligen Auftreten der dem Führerwahn erlegenen Parteifunktionäre einhergehen. Indem er mit der Situationskomik spielt, provoziert er bei den Zuschauern zwar humoristische Erleichterung, vergönnt sie ihnen aber nicht. Denn vor dem Hintergrund des schwelenden Ungemachs und der latenten Bedrohung durch brutale Diskriminierung wirkte diese so unangebracht, dass man sich nicht zu lachen getraut.

Der Drang nach Entspannung flaut so nicht ab, sondern wächst immer mehr an. Und Khalil gönnt niemandem eine Verschnaufpause, sondern zieht sein Ding durch, sodass auch die vormals so liebenswürdig schrulligen Persönlichkeiten des Dorfes irgendwann nur noch bedauernswert erscheinen.

Die filigrane Poesie des Dramas zieht einen ganz nahe an die Geschehnisse ran und macht die Auswirkungen der Weltpolitik auf kleiner Ebene spürbar - und das anhand der Geschichte eines Landes, das noch immer von einem schwelenden Bürgerkrieg gebeutelt wird. Nachbarn gibt ein flammendes Statement ab gegen den Stellvertreterkrieg und das syrische Regime.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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