My Sunny Maad (2021)

My Sunny Maad (2021)

  1. ,
  2. , ,
  3. 85 Minuten

Filmkritik: Kabul hinter der Burka

19. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2021
Kabale in Kabul
Kabale in Kabul © Michaela Pavlátová

Die junge Tschechin Helen fühlt sich ihr ganzes Leben allein und sehnt sich danach, irgendwo dazuzugehören. Als sie eines Tages dem Afghanen Nazir begegnet, weiss sie sofort, dass er ihre grosse Liebe ist. Obwohl sie von allen gewarnt wird, zieht sie mit Nazir nach Kabul und heiratet ihn. Nun ist sie endlich Teil einer grossen Familie und lebt mit den gutmütigen Eltern von Nazir und der Familie seiner Schwester in einem Haus.

Helen, die sich nun Herra nennt, findet sich schnell in der Familie ein, doch das Leben als blonde Frau in Afghanistan ist nicht einfach. So muss sie ausserhalb des Hauses eine Burka tragen, kann nicht selber einkaufen gehen und darf sich nicht einmal Besuchern im Haus zeigen. Zudem wird sie nicht schwanger, was ihre Ehe zunehmend belastet. Eines Tages wird ihr der kranke Junge Mohammed, genannt Maad, anvertraut, dessen Familie ihn wegen seines seltsamen Aussehens verstossen hat. Mit Maad erlebt Herra Freud und Leid und versucht, sich mit ihrer schwierigen Lage zu arrangieren.

Michaela Pavlátová fängt in ihrem dritten Langspielfilm mit einfachem Animationsstil und viel Gespür für Figurenzeichnung und Atmosphäre das Leben in Kabul nach dem Fall des Taliban-Regimes ein. My Sunny Maad hält den Blick nicht auf die - leider immer noch aktuellen - politischen Wirren in Afghanistan, sondern bleibt fast völlig im Privatbereich. Insbesondere durch den Fokus auf Frauen und ihre Rolle in Familie und Gesellschaft ergibt dies ein einfühlsames, mal erheiterndes, mal traurig oder sogar wütend stimmendes Familiendrama um eine Liebe zwischen Kulturen. Schade ist es nur um den Schluss, der keiner ist, sondern das Erzählte einfach abbricht.

Noch vor dem Abzug der US-Amerikaner aus Afghanistan im Sommer 2021 produziert, ist My Sunny Maad gleichermassen topaktuell wie auch voraussehend. Obwohl sich der Film nur punktuell um die politische Lage in dem krisengeplagten Land dreht, ist auch hier mehr oder weniger deutlich, dass die Taliban langsam wieder erstarken. Aber vielleicht war das von Anfang an nur eine Frage der Zeit. Als Vorlage diente schliesslich das Buch «Frišta» der tschechischen Kriegsberichterstatterin und humanitären Helferin Petra Procházková, die den Roman bereits 2004 verfasste.

Obwohl der Film einige ernsthafte Themen - allen voran die eingeschränkten Rechte von Frauen - zum Thema hat, bedeutet dies nicht, dass er während seiner ganzen Laufzeit auf Tragik getrimmt ist. Ganz im Gegenteil, My Sunny Maad erzählt auch immer wieder von den erfreulichen Momenten im Leben der Hauptfigur: von der ungewöhnlichen Liebe über Kulturgrenzen hinaus, dem Zusammenhalt in der Familie und der Freude, die ein adoptiertes Kind geben und selbst erleben kann. Im Wechsel zwischen schönen, manchmal sogar richtig witzigen Momenten und persönlichen Schicksalsschlägen entsteht so ein differenziertes Porträt einer Familie, das durch die verschiedenen Figuren auch eine einfache Gegenüberstellung von bösen Männern und unterdrückten Frauen umgeht.

Auch wenn die schönen Bilder in warmen Farben und einfachen Strichen zu Beginn erst etwas anderes andeuten - besonders toll ist etwa eine Szene, in der die Frauen mit wehenden Haaren ihr Leben geniessen und singend auf Skateboards fahren -, so dreht sich der Film am Ende eben doch vor allem um die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Was Frauen alles nicht erlaubt ist, wie über sie verfügt wird und wie sie sich auf ganz unterschiedliche Weise versuchen, mit ihren fehlenden Rechten zu arrangieren, ist erschütternd und dürfte wohl nicht nur Zuschauerinnen frustrieren. Besonders interessant ist dies auch deshalb, weil das Gezeigte aus Sicht einer blonden Tschechin erzählt wird, die sich freiwillig auf dieses Leben eingelassen hat und so auch eine Art Zwischenposition zwischen Afghanen und Amerikanern (und ZuschauerInnen) einnimmt.

Durch die langsame, sorgfältige Erzählweise ist My Sunny Maad ein feinfühliges Drama geworden, das bis auf die letzten paar Minuten zu überzeugen weiss. Abstriche gibt es jedoch für den Schluss, der weder die Ereignisse, noch die persönliche Entwicklung der Figuren zu Ende führt, sondern einfach ohne Abschluss ausläuft und so einen unfertigen Eindruck hinterlässt.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Letterboxd