Music (2021)

Music (2021)

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  2. 107 Minuten

Filmkritik: Music from and «behindert» by Sia

Gut versteckt: Music als Tapetenmuster kostümiert.
Gut versteckt: Music als Tapetenmuster kostümiert. © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Music (Maddie Ziegler) ist im Autismus-Spektrum. Sie spricht nicht und verbringt die Zeit am liebsten mit ihrem Walkman oder vor dem Fernseher. Ihr Tag ist streng strukturiert: Morgens zwei Spiegeleier mit Ketchup von der Oma. Beim Spaziergang einen Schwatz mit dem Kioskverkäufer. Und danach der Besuch in der Bibliothek, wo sie Bücher über Hunde anschaut. In ihren Träumen tanzt sie zur Musik von Sia.

Mamma Sia: Kate Hudson is gettin' the groove on.
Mamma Sia: Kate Hudson is gettin' the groove on. © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Als die Oma unerwartet stirbt, soll sich ihre Halbschwester Kazu, genannt Zu (Kate Hudson), um Music kümmern. Der Vermieter (Hector Elizondo) hat seine Bedenken, weil Zu wegen ihrer Drogenvergangenheit auf Bewährung unterwegs ist. Zu ist mit Musics Meltdowns denn auch prompt überfordert, doch der nette Nachbar Ebo (Leslie Odom Jr.) unterstützt die Geschwister. Und es bahnt sich eine Liebelei zwischen Ebo und Zu an.

Sias neuntes Album «Music» wird begleitet von einem Spielfilm. Einer Art erweitertem Music-Clip mit etwas mehr Handlung als beispielsweise Michael Jacksons Moonwalker. Die quietschfidelen Kostüme und ausgeklügelten Choreografien während der Songs können aber die dünne Story um Kate Hudson und Grammy-Gewinner Leslie Odom Jr. nicht übertünchen. Und auch für neurotypische Personen ist die Darstellung der autistischen Hauptfigur zumindest gewöhnungsbedürftig.

Sia macht nun auch Spielfilme. Der australische Superstar der Musikszene schrieb Buch und führte Regie. Mit dem Thema Autismus hat sich Kate Isobelle Furler (bürgerlicher Name) aber in die Nesseln gesetzt. Es gab negative Wortmeldungen von Direktbetroffenen und Sia reagierte im Netz unsouverän. Ein unflätiger Twitter-Krieg war die Folge. Die Kontroverse drehte sich vor allem um die Darstellung des Krankheitsbildes und darüber, dass mit Maddie Ziegler, dem Gottimeitli von Sia, eine nicht-autistische Person die Hauptrolle bekam. Das böse Wort des Nachäffens machte die Runde.

Ob nun Zieglers Zuckungen konform sind, soll hier nicht beurteilt werden. Bei OutNow geht's um den Film, der durchaus seine Qualitäten hat. Ein kunterbuntes Knallbonbon mit Musical-Einlagen, wie man sie aus den weltbekannten Sia-Videos kennt. Ziegler tanzt seit Jahren blond-perückt durch die Szenerie. So auch hier. Und Kate Hudson als verrückte Nudel in Unterhosen und mit Glatze könnte tatsächlich die Schwester sein.

Der sommerlich heisse Strassenzug, in dem der Film spielt, ist ein farbiges Quartier in allen Belangen. Es wirkt wie Brooklyn in Do the Right Thing, ohne zum sozialen Brennpunkt zu verkommen. Das wirkt irreal, denn mit Zus Drogensucht gäbe es schon kriminelle Energie zu thematisieren. Unglaubwürdig ist auch der Plotmotor der toten Oma. Würden die Behörden da nicht anders reagieren? Ein Vormund verstirbt und dann kümmert sich eine schlecht beleumundete Halbschwester um die Jugendliche im Autismus-Spektrum?

Wessen Film ist es denn überhaupt? «Music» steht zwar Titel, aber je länger der Film dauert, desto zentraler wird Zu. Weitere Figuren wie ein dicklicher Nachbar, ein väterlicher Freund und Nebenschauplätze wie ein Boxclub sind so nuanciert dargestellt, wie es normalerweise für einen Drei-Minuten-Clip im Musikfernsehen reicht. Abendfüllend ist das nicht, sondern in erster Linie Music in den Ohren Sias Fans.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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