The Mushroom Speaks (2021)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: Mystisches Myzel

52. Visions du Réel 2021
Trip gefällig?
Trip gefällig? © Visions du Réel 2021

Fusspilz, Schimmelpilz, Pilzfrisur: Pilzen begegnen wir im Alltag ausserhalb des Tellerrandes eher mit Argwohn. Doch wenn man bedenkt, dass Pilze Giftstoffe in vergiftetem Wasser abbauen können, gigantische Strukturen bilden oder dass das erste Lebewesen, das Hiroshima nach der Zerstörung durch die Atombombe wiederbesiedelt hat, ein Pilz war, rückt das die Organismen in ein neues Licht.

«... und hier sitzt das Bewusstsein des Pilzes.»
«... und hier sitzt das Bewusstsein des Pilzes.» © Visions du Réel 2021

Keineswegs ist es so, dass Fungi-Fanatiker wie Pilze aus dem Boden schiessen. Doch diejenigen, die ihr Wissen - und womöglich auch ihr Bewusstsein - erweitert haben, verschreiben sich der Faszination «Pilz». Ob nun Anthropologieprofessorin, Pilzzüchter oder Pilzsamlerin und - im positivsten Sinne des Wortes - Hexe im Schwarzwald: Sie alle sind sich einig, dass Pilze mehr sind als nur Essware, sondern Spiegel unseres Umgangs mit der Welt und uns so nicht nur die Auswirkungen des Anthropozäns vor Augen zu führen, sondern dass sie auch die Spuren der Menschenpräsenz dereinst überwinden werden.

Wer schon immer einmal auf einen Pilz-Trip gehen wollte, wird hier gut bedient. Denn in der Welt der Pilzfans kann denjenigen, die im Reich der Pilze Neuland betreten, durchaus die eine oder andere phantastische Idee erwarten. Diese Dokumentation bringt Farbe in die weissen Flecken des öffentlichen Bewusstseins, wenn es um das Potenzials dieses Organismus geht und gibt in einer aufschlussreichen, kurzweiligen und gut ausbalancierten Tour d'Horizon interessante Einblicke mit den zu erwartenden schrullig-sympathischen Menschen - und Pilzen.

Zwischen Mykorrhizen, Saprophyten und Zunderschwämmen begleiten wir die Fungifreaks auf der Pilzpirsch und erfahren so einiges über das im öffentlichen Bewusstsein total unterschätzte Lebewesen «Pilz». Nicht nur die Anthropologieprofessorin Anna Lowenhaupt Tsing, die vor einigen Jahren mit ihrem Buch «The Mushroom at the End of the World» für Aufsehen sorgte, kommt zu Wort, auch passionierte Pilzzüchter und -sammler*innen, die ihr Lieblingsbeschäftigungsobjekt nicht nur zur Behandlung von medizinischen, sondern auch ökologischen Krankheiten einsetzen möchten.

Die Sicht der (Hobby-)Mykolog*innen legt uns die Interpretation des Menschen als «Fungokultur» nahe und wir erfahren auch grundlegendes Wissen, wie zum Beispiel die Wichtigkeit der Pilze für die Naturkreisläufe; oder dass ein Pilz mehr ist als ein Stiel mit Schirmchen, sondern unterirdisch einen gigantischen Organismus ausbilden kann. Leichte Beklemmung dürfte beim nächsten Waldspaziergang aufkommen, denn das Myzel-Netzwerk spürt jeden unserer Schritte. Big Mushroom is watching us!

Unterwegs «i de Schwämm» gilt es, besonderes Ohrenmerk dem Sound Design von Olga Kokcharova zu widmen, die aus Naturrauschen und -knacken und eigenen, psychedelisch angehauchten Klängen - womöglich hat sie sich von der Kommunikation der Pilze inspirieren lassen - einen Klangkosmos schafft, der wunderbar zu den einzigartigen, Sci-Fi-artig anmutenden Fungi passt, die in diesem auch ästhetisch reizvollen Seherlebnis präsentiert werden.

Letzteres wird allerdings durch die unpersönlichen Untertitel gestört, die durch den Film führen. Hier hätte man gut daran getan, in eine Sprecherstimme zu investieren, die womöglich auch etwaige Orientierungsschwierigkeiten, die durchaus aufkommen können, hätte abfangen können. Nichtsdestotrotz gibt diese Dokumentation einen interessanten und leicht verdaulichen Überblick über das Potenzial «Pilz» und als diesbezüglich bewusstseinserweiternde Erfahrung ist The Mushroom Speaks ganz gut geeignet.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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