Un Monde (2021)

Un Monde (2021)

Filmkritik: Krisenherd Pausenplatz

74e Festival de Cannes 2021
Bad Girls
Bad Girls © Dragons Films

Erster Schultag! Für die schüchterne Nora (Maya Vanderbeque) ist die Vorstellung, alleine unter die vielen fremden Menschen zu gehen, ein Horror. Ihr Vater (Karim Leklou) und ihr älterer Bruder Abel (Günter Duret) müssen sie regelrecht dazu zwingen, das neue Schulzimmer zu betreten. In den ersten Tagen bringt Nora denn auch kaum ein Wort hinaus, und statt mit ihren neuen Kameradinnen zu spielen, möchte sie in der Pause lieber bei Abel sein. Die beiden Geschwister waren bislang unzertrennlich.

Die schwedischen Gardinen machen sich doch recht gut für den Garten.
Die schwedischen Gardinen machen sich doch recht gut für den Garten. © Dragons Films

Schon bald merkt Nora, dass Abel auf dem Pausenplatz nicht der starke grosse Bruder ist, zu dem sie immer aufgeschaut hat. Er wird von älteren Mitschülern gehänselt und sogar verprügelt. Nora will ihm beistehen, doch er möchte davon nichts wissen und weist sie ab. Auch verbietet er ihr, ihrem Vater von seinen Problemen zu erzählen. Während die Mitschüler immer grober zu ihm werden, sieht sich das Mädchen in einem Gewissenskonflikt: Soll Nora nun ihrem Bruder gehorchen oder trotzdem etwas unternehmen, um ihm zu helfen?

Nur gerade 75 Minuten dauert das Regiedebüt der Belgierin Laura Wandel - und doch ist der Film eine Wucht. Ihr ganz aus der Perspektive der Kinder gefilmtes Pausenplatzdrama ist gleichermassen emotional mitreissend wie aus psychologischer Sicht hochinteressant. Die junge Hauptdarstellerin Maya Vanderbeque ist phänomenal, und ihr Filmbruder Günter Duret steht ihr in nichts nach. Un monde ist ein grosser kleiner Film und ein echter Geheimtipp.

Kinder können grausam sein zueinander. Intrigen, Manipulationen und körperliche wie seelische Grausamkeiten sind wohl auf so manchem Pausenplatz an der Tagesordnung; und die Erwachsenen kriegen davon meist nichts mit, oder wenn doch, sind sie völlig hilflos. Un monde nimmt den brodelnden Krisenherd Pausenplatz als Szenerie für eine Bruder-Schwester-Geschichte, die es in sich hat.

Regisseurin Laura Wandel vermeidet dabei den Fehler, zu viel erklären zu wollen. Und das, obwohl es durchaus Fragen gäbe; beispielsweise wieso die beiden Geschwister anfänglich so eine enge Beziehung haben, weshalb der Vater nicht arbeitet oder warum Nora dermassen abweisend ist gegenüber ihren Mitschülerinnen. Man hätte dies alles mit einer üppigen Backgroundstory ausschmücken können, aber das hätte diesen Film schwer und träge gemacht.

Ausserdem ist dieser Entscheid auch dramaturgisch konsequent. Denn der Film ist vollständig aus Sicht der Kinder erzählt. Und die haben bekanntlich meistens auch keine Backgroundstory präsent. Die Sicht der Kinder wird auch optisch umgesetzt. So bewegen sich die Handkamera-Aufnahmen auf deren Augenhöhe, während von Erwachsenen meist nur der Unterkörper zu sehen ist. Nur wenn sie sich auf dieselbe Höhe wie die Kinder begeben, erkennt man ihre Gesichter. Durch diese Kinderperspektive ist das Publikum emotional enorm nahe am Geschehen. Sich zu distanzieren fällt da schwer.

Natürlich erfordert diese Art der Inszenierung auch Kinderdarstellerinnen und -darsteller, welche solch anspruchsvolle Rollen tragen können. Und da sind Maya Vanderbeque als Nora und Günter Duret als Abel schlicht grossartig. Sie scheinen ihre Charaktere nicht zu spielen, sondern zu leben. Während der kurzen Spielzeit von etwas mehr als einer Stunde gelingt es ihnen, die unterschiedlichsten Facetten ihrer Charaktere zu verkörpern und dabei auch deren subtilen Wandlungen darzustellen.

Denn gerade diese Wandlungen machen den Film interessant. Wie der vergötterte Bruder plötzlich zum Opfer wird und sich die beiden Geschwister langsam voneinander entfernen, das ist hervorragend beobachtet und sensibel in Szene gesetzt. Mit Un monde gibt die 36-jährige Laura Wandel ein richtig, richtig starkes Regiedebüt und empfiehlt sich für weitere Filme.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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