Momentum (2021)

Momentum (2021)

  1. 65 Minuten

Filmkritik: Sommer, Sonne, Verdruss

17. Zurich Film Festival 2021
Taking a walk on the wild side.
Taking a walk on the wild side. © Zurich Film Festival

Sommerferien können bedrückend sein. Die 16-jährige Emma (Sarah Bramms) liegt auf dem Bett und hängt ihren Gedanken nach. Vor einem Jahr erschütterte ein tragisches Ereignis ihr Leben, an dem sie noch heute schwer zu knabbern hat. Zu ihrem Vater (Robert Szuplewski), mit dem sie zusammenwohnt, hat sie den Draht verloren. Sie verträgt ohnehin keine Gesellschaft ausser derjenigen ihrer Freundin Louna (Louna Drouin). Gemeinsam gehen sie im Fluss baden, suchen abgelegene Orte auf und geniessen die gemeinsame Zeit. Trotz der Vertrautheit fehlt Emma etwas; zumal sich die Situation zu Hause zunehmend verschlechtert.

Mit Louna sitzt sie auch eines Tages an einer Haltestelle ihres Wohnortes, als sie beobachtet, wie ein Mann (Stéphane Monpetit) mit Rollkoffer aus einem Bus steigt. Gegenüber Louna gibt sie sich cool, doch schon bald spürt sie dem mysteriösen Typen auf seinen täglichen Joggingrunden nach. Obwohl sie sich immer verborgen hält, drängt es sie insgeheim zu einer Begegnung.

Dieses von Wehmut durchtränkte Coming-of-Age-Drama sorgt mit seiner assoziativen Bildsprache für eine mystische Spannung, die den Zuschauenden rätseln macht, was die Protagonisten bewegt. Die wenigen Interaktionen zwischen ihnen sind jedoch so holprig gespielt, dass einem bald die Freude daran vergeht.

Räume können sehr viel über Personen erzählen, auch dann, wenn sich keine darin aufhalten. Wie Erinnerungen werden in Momentum kommentarlos Sequenzen von leeren Feldern, Gängen oder Zimmern aneinandergereiht, die für sich genommen schweigen.

Doch vor dem Hintergrund eines in seinen Grundfesten erschütterten Teenies - und mehr bekommt man zu Beginn nicht mit - beginnen sie selbst im schnellen Schnitt plötzlich zu sprechen. Man hascht nach Futter, versucht Details, die plötzlich wichtig werden, in einen grösseren Zusammenhang zu bringen. Ja, worum geht's hier überhaupt?

Durchdacht und behutsam geführt wird den Zuschauenden ein Freiraum geboten, in dem sich trotz des Vakuums der Langweile in diesen inhaltsleeren Sommerferien Spannung entwickeln kann. Man beginnt am Bild zu kleben, scannt die Räume detektivisch nach Hinweisen danach ab, was die junge Emma derart bewegen könnte.

Nur spärlich wird man mit handfesten Informationen gefüttert, doch der Grund für ihre Tristesse stellt sich ziemlich bald heraus, und dann bleibt der Film stehen. Denn sie hält sich weiterhin hartnäckig verschlossen und schweigt wehmütig.

In dieser durchaus schön inszenierten Wehmut ist das Schweigen auch die grösste Stärke, weil das vierköpfige Ensemble kaum überzeugende Schauspielkunst bietet. Vielfach scheinen die Handlungen ihrer Figuren un- oder sie in ihrem Eifer übermotiviert; mitunter zu theatralisch spielen sie ihre Rollen, aber verkörpern sie nicht.

Immerhin dauert dieser Film nicht so lange wie Sommerferien - in den kurzen 70 Minuten ist diese Darbietung glücklicherweise gerade noch auszuhalten.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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