Mitholz (2021)

Mitholz (2021)

  1. 80 Minuten

Filmkritik: Ein explosives Stück Schweizer Geschichte

Die Idylle täuscht. In den Bergstollen lauert die sprichwörtliche «tickende Zeitbombe».
Die Idylle täuscht. In den Bergstollen lauert die sprichwörtliche «tickende Zeitbombe». © Frenetic Films

Mitholz ist ein kleines Dorf im Berner Oberland. Idyllisch zwischen steilen Berghängen gelegen, deutet heute kam noch etwas auf die Katastrophe hin, die sich hier 1947 ereignet hat. Noch während des Zweiten Weltkrieges hat die Regierung in den Gebirgshängen ihren Réduit-Plan vorangetrieben. Nach dem Krieg wurden die Schächte und Tunnels von der Schweizer Armee als Munitionsdepot genutzt. Im Juni 1947 entzünden sich Teile der Munition und ein ganzer Felshang wird weggesprengt und donnert auf das Dorf zu. Zahlreiche Häuser werden zerstört, neun Menschen kommen ums Leben. Im Laufe der Jahre wird das Dorf wieder aufgebaut und die tragische Geschichte gerät zunehmend in Vergessenheit.

Gerade für die ältere Generation kommt der Bundesbeschluss einer Hiobsbotschaft gleich.
Gerade für die ältere Generation kommt der Bundesbeschluss einer Hiobsbotschaft gleich. © Frenetic Films

Zumindest bis 2018. Nach Jahrzehnten der Geheimhaltung erfährt die Bevölkerung durch die Regierung, dass die Gefahr von damals noch nicht gebannt ist. Die Munition, die damals nicht explodierte, liegt immer noch in den eingestürzten Tunnels und Schächten. Und mit zunehmenden Jahren steigt die Chance auf eine weitere Explosion und damit einer nächsten Katastrophe. Die Behörden sind zwar bereit, die gefährlichen Hinterlassenschaften wegzuräumen - das hat jedoch einen enormen Preis für die Bewohner der Gemeinde.

Mit dem Dokumentarfilm Mitholz widmet sich der Stanser Regisseur Theo Stich einem Stück Schweizer Geschichte, das bis heute bewegt. Mit ruhigen, unaufgeregten Bildern, Interviews mit Betroffenen und Archivaufnahmen aus der Nachkriegszeit zeichnet Stich eine Geschichte von Vertrauensmissbrauch und Versäumnissen des Staates, für welche die Bevölkerung einen hohen Preis bezahlt.

Damit die Stollen geräumt und die Munition entschärft werden kann, muss das Dorf evakuiert werden. Und zwar für 10 bis 20 Jahre. Und gerade diese Hiobsbotschaft geht nahe, lässt die Zuschauer mit den Bewohnern mitleiden, die davon an einem spontan eingeräumten Informationsabend erfahren - nachdem die Presse die Information bereits publiziert hatte.

Besonders die ältere Generation, die das Trauma von damals noch immer in den Knochen steckt und Familienmitglieder und Freunde verloren hat, sieht sich rund 70 Jahre später wieder mit demselben Albtraum konfrontiert. Einige von ihnen sind schon über 80 Jahre alt und fragen sich: Wo sollen wir jetzt hin? Warum können wir nicht einfach hierbleiben? Manche hoffen, dass sie die Räumung «nicht mehr erleben müssen». In den Interviews mit den Betroffenen gelingt es dem Regisseur, die Sorgen und Ängste der Bewohner greifbar zu machen. Es geht um Existenzen, um Vermächtnisse, um Enttäuschung, Wut und auch um Trotz.

Mitholz zeigt dabei ohne moralischen Kompass ein Dilemma auf. Auf einer Seite steht die enttäuschte Bevölkerung und auf der anderen Seite die Regierung und die Armee, die Versäumnisse ausbügeln müssen, die von ihren Vorgängern vor Jahrzehnten begangen wurden. Aber der Entscheid steht: Das Dorf muss geräumt werden. Für die jüngeren Bewohner eine Unannehmlichkeit, für die älteren eine Katastrophe. Nötig ist es trotzdem. Eine Bewohnerin von Mitholz sagt im Film sachlich: «Wir opfern uns nun auf, damit es eine nachfolgende Generation nicht muss.»

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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