Miracle - Miracol (2021)

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  2. 118 Minuten

Filmkritik: Es geschah am hellichten Tag

17. Zurich Film Festival 2021
«079 hät sie gseit ...»
«079 hät sie gseit ...» © Zurich Film Festival

Rumänien: Die junge Cristina (Ioana Bugarin) schleicht sich frühmorgens aus einem Kloster. Ein Taxifahrer (Valeriu Andriuţă) wartet nicht unweit auf sie, da dieser von seiner Schwester - einer Nonne in dem gleichen Kloster - gebeten wurde, die Novizin in ein Krankenhaus zu fahren. Dieser Bitte kommt er nach, doch macht er auf dem Weg dorthin nochmals einen Halt, um zusätzlich noch einen Arzt (Valentin Popescu) aufzuladen, der den gleichen Bestimmungsort hat. Es wurde abgemacht, dass die Novizin dann am Abend zum Bahnhof gehen soll und dort vom gleichen Taxifahrer wieder nach Hause gebracht wird. Doch dann gibt es eine Planänderung.

Ein paar Tage später: Der Polizeikommissar Marius (Emanuel Pârvu) wird mit einem brutalen Verbrechen beauftragt, in das die Novizin und der Taxifahrer verwickelt sind. Bei seinen Untersuchungen überschreitet der Gesetzeshüter auch immer Grenzen, um den Fall zu lösen. Was genau ihn dabei antreibt, bleibt lange im Dunkeln.

Miracle ist ein interessant erzählter Thriller, in dem die Beweggründe der Figuren sich nur langsam offenbaren. Wer etwas Geduld mitbringt und dem es nichts ausmacht, etwas länger im Dunklen zu tappen ohne zu wissen, woran man bei den Figuren genau ist, erhält eine spannende Story, welche einen noch eine Weile beschäftigen wird.

Wie Regisseur Bogdan George Petri am 17. Zurich Film Festival dem anwesenden Publikum mitteilte, handelt es sich bei Miracle um einen zweiten Teil einer Trilogie, von welcher der 2020 erschienene Unidentified den Anfang bildet. Da dieser ausserhalb von Filmfeststspielen kaum gezeigt und deshalb nur von ganz Wenigen gesehen wurde, ist es fast nur logisch, dass es sich bei Miracle nicht um eine klassische Fortsetzung handelt.

Hier wird nicht eine Geschichte weitererzählt, sondern sind die Filme nur lose mit ein paar wiederkehrenden Figuren verbunden. So wurde der von Emanuel Parvu gespielte Ermittler zum Beispiel von der Nebenfigur hier zur Hauptfigur befördert. Was für Insider vielleicht interessant ist, werden die meisten aber gar nicht mitbekommen, denn Vorwissen braucht es für diesen Film nicht.

Es ist ein Werk, bei dem die Neugierde der Zuschauer vorausgesetzt wird. Lange wird vieles im Dunkeln gehalten und die Beweggründe von allen Figuren werden erst nach einer Weile klar. Sind sie mal bekannt und denkt man dann zurück, ergibt dies ein durchaus rundes und zufriedenstellendes Ergebnis.

Gefilmt ist dies mit minimalsten Mitteln - wie viele Filme der Romanian New Wave, zu der so bekannte Werke wie The Death of Mr. Lăzărescu und 4 Months, 3 Weeks and 2 Days gehören. Es gibt nur wenige Schauplätze und oft unterhalten sich lediglich zwei oder mehr Personen. Trotzdem ist dies durchaus spannend, da man mehr über diese mysteriös wirkenden Charaktere erfahren möchte.

Doch es ist harte Kost, die uns Bogdan George Petri hier vorsetzt. Das zentrale Verbrechen, welches die Zuschauer mehrheitlich auf der Tonebene mitbekommen, weil die Kamera in dieser Sequenz einen unangenehmen 360-Grad-Schwenk macht, verstört und führt dann zu einer Ermittlung, die zwischendurch an Cristian Mungius Beyond the Hills erinnert.

Es geht in Miracle unter andrem um das Rumänien von heute, um Religion, Selbstjustiz und mehr. Mit seinem Skript und seiner Inszenierung wird der Film jedoch trotz dieser Themen nie zu schwer - auch wenn das Ganze mit einem argen Schlag in die Magengrube endet.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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