La Mif (The Fam) (2021)

La Mif (The Fam) (2021)

  1. 110 Minuten

Filmkritik: Terme courte douze

17. Zurich Film Festival 2021
Keine Dezibel-Beschränkung im Wohnheim
Keine Dezibel-Beschränkung im Wohnheim © Joseph Areddy

Nach einem Zwischenfall, bei dem es während einer sexuellen Begegnung zwischen zwei Jugendlichen zu einer gesetzeswidrigen Handlung gekommen ist, beschliesst die oberste Leitung eines Jugendheims in der Romandie, nur noch Mädchen bei sich aufzunehmen. Heimleiterin Lora (Claudia Grob) ist soeben von einer persönlichen Auszeit zurückgekehrt, als sie sich mit dieser Situation konfrontiert sieht.

Auch ohne Jungs gibt es im Jugendheim immer wieder herausfordernde Situationen. Die Mädchen kommen alle aus verschiedenen sozialen Hintergründen und sind verbunden durch Traumata und schwierige Verhältnisse. Immer wieder stossen neue junge Frauen dazu, welche ihren Platz in der Gruppe erst finden müssen. Alle Heimbewohnerinnen müssen ihr Leben zwischen Heim und «der Welt draussen» navigieren und schliessen dabei auch untereinander tiefe Freundschaften.

Das Sozialdrama verwischt die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion komplett. Nichts wirkt gespielt oder geschrieben. Diese Authentizität ist fesselnd, und die Energie, welche die jungen Darstellerinnen an den Tag legen, ist ansteckend. Trotz unglaublich schwieriger Themen und der echten Schicksale, die porträtiert werden, ist La Mif auch ein lebensbejahender Film, der es nicht verpasst, auch Hoffnung zu zeigen. Einige Längen gibt es anzukreiden, aber der Film fängt sich schnell wieder und endet mit der perfekten, wenn auch sehr nachdenklich stimmenden Note.

Girl, Interrupted, Short Term 12 - es gibt etliche und auch gute Filme über Jugendliche in Heimen. So etwas wie La Mif ist jedoch ganz ausserordentlich. Von Bewohnerinnen und Leitungspersonal selbst verfasst und gespielt, ist das Drama kaum von einer Dokumentation zu unterscheiden. Obwohl die Figuren fiktiv sind, schwingen auch viele Wahrheiten und Erfahrungen der Darstellerinnen mit. Schnell schliesst man die jungen Frauen ins Herz und ihre Stärke im Hinblick auf ihre Situation berührt ungemein.

Nicht nur die Beziehungen zwischen den Frauen im Heim fasziniert. Was die Betreuung für den Zusammenhalt dieser «Familie» tut, ist nicht zu unterschätzen. Das Hin und Her zwischen der nötigen Distanz und der ebenso wichtigen Nähe zu den Jugendlichen wird gerade von Claudia Grob als Lora sehr deutlich und eindrücklich porträtiert. Auch sie braucht eine immense Kraft, um mit den schweren Leben der Frauen umgehen zu können.

Es gibt keinen Moment in Fred Baillifs Film, der gespielt wirkt. Nie entsteht das Gefühl, jemand reagierte auf die Kamera. Im Zentrum stehen nebst Betreuerin Lora sieben Teenager mit verschiedensten Persönlichkeiten. Diese bekämpfen sich im Drehbuch manchmal um Screenzeit, und einige der Figuren kommen dadurch definitiv zu kurz.

Gerade deshalb entstehen paradoxerweise gewisse Längen. Da zwei der Figuren im Vergleich zu wenig ins Rampenlicht gerückt wurden, hätte man sie entweder vertiefen oder weglassen können. Beides hätte den Film vor diesen kleinen Längen retten können. So scheint es, als sei ein Kompromiss eingegangen worden, um den Film nicht zu sehr in die Länge zu ziehen. Erreicht wurde allerdings das Gegenteil erreicht. In Sachen Authentizität können Girl, Interrupted und Short Term 12 aber einpacken: Der ultimative Film zum Thema Jugendarbeit kommt aus der Schweiz.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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Trailer Französisch, mit deutschen und englischen Untertitel, 02:05