Midnight Mass (2021)

Midnight Mass (2021 / Mini-Serie)

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  3. 40 Minuten

Miniserie-Review: Wers glaubt, wird selig

Netflix
Boah singen die schlecht
Boah singen die schlecht © Netflix

Nachdem Riley Finn (Zach Gilford) betrunken einen Autounfall verursacht hat, bei dem eine junge Frau gestorben ist, wird er zu vier Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Haftentlassung kehrt er in seine Heimat Crockett Island zu seinen Eltern Annie (Kristin Lehman) und Ed (Henry Thomas) und seinem jüngeren Bruder Warren (Igby Rigney) zurück. In Crockett Island leben viele religiöse Menschen. Riley hat sich während seines Gefängnisaufenthalts mit vielen Religionen befasst, nun ist er Atheist. Die Kirche wird temporär von Pater Paul (Hamish Linklater) geleitet, da der schon sehr alte, aber auch sehr geachtete Monsignor Pruitt von einer zweiwöchigen Pilgerreise wegen einer temporären Schwäche noch nicht wieder zurückkommen konnte.

Nicht die Augen, Frau Doktor, die Ohren, die Ohren!
Nicht die Augen, Frau Doktor, die Ohren, die Ohren! © Netflix

Riley versucht sich wieder einzuleben. Doch dies gestaltet sich aufgrund der gegebenen Umstände als äusserst schwierig. Andauernd wird er vom Bild der Leiche der von ihm getöteten jungen Frau heimgesucht. Nach einem Orkan liegen am nächsten Morgen hunderte toter Katzen am Strand. Als wäre das nicht merkwürdig genug, befindet sich weder in noch ausserhalb der toten Katzen auch nur ein Tropfen Blut. Und das ist nur der Beginn einer Reihe seltsamer Ereignisse.

Die Miniserie Midnight Mass ist eine Mystery-Horror-Drama-Serie, die sehr langsam beginnt und ziemlich viele Charaktere einführt. Die erste Episode ist dann ein wenig hart und von der Grundstimmung her eher ein langatmiges Drama mit sehr gut gespielten Charakteren. Doch in den restlichen sechs Episoden kommt immer mehr der Mystery-Horror-Teil zur Geltung. Obwohl die Serie alleine als Drama sehr gut funktioniert hätte, ist auch der Mystery-Horror-Teil spannend, auch wenn das kirchliche Grundthema nicht jedem gefallen dürfte.

Midnight Mass bietet Momente, die es so auch in Filmen wohl nur selten zu sehen gibt. Und dass Mike Flanagan wie bereits in Doctor Sleep und auch in The Haunting of Hill House die Verantwortung für Regie und Drehbuch getragen hat, zeigt sich von A bis Z. Seine offensichtliche Vorliebe für Stephen King zeigt sich auch in der eher langsamen Erzählweise. Die Charaktereinführung in Episode eins lädt fast zum Verzweifeln ein. Nicht, dass die Charaktere nicht interessant wären, aber es werden immer mehr und mehr, und man möchte fast Stopp rufen. Fast schon könnte man es Charakterwucher nennen, es zahlt sich aber im Verlauf der Serie doppelt und dreifach aus.

Die Themen sind schon schwer, es geht um Kirche, um Glauben und Nichtglauben. Die Rede ist auch immer wieder vom Tod, von Zerfall - definitiv keine Serie, wo man auch nur irgendwann einmal lachen oder auch nur schmunzeln kann. Sicher gewöhnungsbedürftig sind die teilweise ausufernden Monologe und Dialoge. Da wird in einer Episode schon einmal zwischen Atheist Riley und Pater Paul eine halbe Stunde über den Sinn des Lebens und der Religion philosophiert. Die Serie hat auch Zeit, jede der sieben Episoden dauert im Minimum 60 Minuten.

Es gibt auch einiges an Schockmomenten und eine Menge Blut, die Midnight Mass zeigt, doch das ist sicher nicht das Highlight. Das Highlight sind vor allem die Charaktere und die schauspielerischen Leistungen. Denn der Hauptcast besteht aus sicher zwölf Darstellern. Und in diesem grossartigen Cast stechen ein paar nochmals hervor. Da ist zum einen der den Pater verkörpernde Hamish Linklater, der sowohl durch seine Mimik als auch sein notwendiges körperliches Spiel brilliert. Vor allem aber seine Einflüsterin und Über-Organisatorin Bev Keane, die durch Samantha Sloyan grossartig dargestellt wird.

Bei Black Mass muss man sich wirklich auf eine Menge einlassen: Religion, ausufernde Gespräche, Süchte, ausschliesslich bedrückende Themen, langsames Tempo. Wem das gelingt, der wird mit dieser Miniserie seine wahre Freude haben.

Christoph Reiser [chr]

Christoph arbeitet seit 2020 als Freelancer für OutNow. Er weiss, dass man Animationsfilme nicht hassen darf, dafür liebt er Sergio-Leone-Western. Der Besuch eines Filmfestivals ist zuoberst auf seiner Bucket-List, naja fast. Und er mag kein Popcorn im Kino, denn er steht auf Chips.

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chr

Miniserie-Review: Wers glaubt, wird selig

yan

Wem «The Haunting of Hill House» und «The Haunting of Bly Manor» zu «slow» waren, der sollte um «Midnight Mass» einen grossen Bogen machen. Die neue Netflix-Mini-Serie von Horror-Spezialist Mike Flanagan lebt von seinen wunderbar vorgetragenen und tiefgründigen Monologen und einer Geschichte, die atmosphärischer und intensiver kaum sein könnte - wenn man sich denn darauf einlassen kann.

«Midnight Mass» kommt nur selten blutig daher - Fast-Food-Horror, wie bei «Squid Game», der Netflix-Granate aus Südkorea, sucht man vergebens. Dennoch ist der Horror, Angst und Schrecken spürbar - oft dann, wenn man es nicht erwartet. Flanagan weiss genau, wenn er diese Momente zünden muss.

Themen wie Verlust, Religion, Tod und Süchte finden alle ihren Platz. Audiovisuell berauschend, schauspielerisch atemberaubend und dramaturgisch bis zum bitteren Ende fantastisch - für mich Mike Flanagan bisher bestes Werk.

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