Memoria (2021)

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  2. 136 Minuten

Filmkritik: «Hey, hier wird nicht geschlafen!»

74e Festival de Cannes 2021
Play that Funky Music, White Girl
Play that Funky Music, White Girl © Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF-Arte and Piano, 2021

Während einer Kolumbienreise vernimmt die Schottin Jessica (Tilda Swinton) eines Nachts in ihrem Zimmer ein dumpfes und lautes Knallgeräusch. Sie schaut sich in den vier Wänden um, kann aber nichts finden, was dieses Geräusch ausgelöst haben könnte. Zudem scheint nur sie wach zu sein, niemand anderes wurde von diesem Geräusch geweckt.

Gibt es Natur bald nur noch im Museum zu sehen?
Gibt es Natur bald nur noch im Museum zu sehen? © Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF-Arte and Piano, 2021

Jessicas Neugierde ist geweckt. Sie möchte herausfinden, was es mit diesem Knall genau auf sich hat. So sucht sie unter anderem ein Musikstudio auf, wo der Toningenieur Hernán (Juan Pablo Urrego) versucht, das Geräusch mit seiner riesigen Datenbank von allen möglichen Tönen nachzubauen. Jessica muss sich dabei nicht die ganze Zeit über auf ihr Erinnerungsvermögen verlassen. Denn immer wieder hört sich das laute Knallen und bekommt so fast täglich einen Reminder. Dabei wird ihr bewusst, dass eigentlich nur sie dieses Geräusch hören kann. Was hat es bloss damit auf sich?

Der thailändische Regusseur Apichatpong Weerasethakul bleibt sich selbst treu und hat mit Memoria einen weiteren Slow-Cinema-Beitrag inszeniert, der mit seiner Langsamkeit die Geduld des Publikums mehr als nur strapaziert. Trotzdem ist sein Neuster dank Tilda Swinton und dem präsentierten Knall-Mysterium faszinierender als seine Vorgängerfilme. Wer sich nicht auf lange Einstellungen einlassen kann, in denen kaum etwas passiert, soll einen Bogen darum machen oder wenigstens einen grossen starken Kaffee mitbringen.

Das, was der Thailänder Apichatpong Weerasethakul (ja, den Namen wir haben wir gecopypastet) jeweils dem Publikum vorsetzt, nennt sich «Slow Cinema»: Kunstkino mit äusserst langen Einstellungen, in denen nicht viel passiert, und das mit kaum einer oder gar keiner klassischen Handlung auskommt. Wenn man böse sein möchte, könnte man das auch als «Sleep Cinema» bezeichnen, lädt es doch fast schon dazu sein, bei einem solchen Film einfach wegzunicken und einzuschlafen. Ob dies Weerasethakul wohl auch bemerkt hat? Denn in seinem neusten Film Memoria scheint er neben seiner Hauptdarstellerin Tilda Swinton auch die Zuschauer immer mal wieder mit einem lauten Knall aufwecken zu wollen. «Hey, hier wird nicht geschlafen!»

Memoria ist der erste Film des Regisseurs, den er ausserhalb seiner Heimat und mit einem internationalen Cast gedreht hat. Swinton ist dabei natürlich die Hauptattraktion, und der schottischen Schauspielerin zu folgen ist deutlich interessanter, als mit den Familienmitgliedern aus dem Palmengewinner Uncle Boonmee minutenlang an einem Tisch zu sitzen.

Das soll jedoch nicht heissen, dass man alleine wegen Swinton gebannt vor der Leinwand sitzt. Denn Memoria ist in erster Linie immer noch ein echter Weerasethakul, und so gibt es viele Abschnitte, in denen oberflächlich gesehen nichts passiert. In einer Szene legt sich eine Figur ins Gras und wir sehen ihr über eine längere Zeit zu, wie sie einfach dortliegt. Die Geduld wird übelst strapaziert - vor allem auch, weil die ganze Sache auf eine stolze Laufzeit von 134 Minuten kommt.

Ganz ohne Reiz ist Ganze aber nicht. Es geht um das Teilen von Erinnerungen, wobei Weerasethakul jedoch nie wirklich deutlich wird und so unterschiedliche Interpretationen zulässt. Einmal wird Tilda Swinton als eine Art Antenne bezeichnet, die Töne aufgreifen kann, was wegen der Körpergrösse der Schottin von 1.80 ganz lustig ist. Ansonsten gibt es kaum was zu lachen. Auf diesen Film muss man sich vollkommen einlassen können und zur Vorbereitung idealerweise schon einen Film des Regisseurs gesehen haben. Die Auflösung, woher der Ton letzten Endes seinen Ursprung hat, ist dann jedoch äusserst faszinierend und schiebt so die Bewertung von «ziemlich langweilig» rauf zu «ziemlich langweilig, aber jetzt habe ich Bock darüber zu diskutieren».

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Trailer Englisch, 01:50